Das Geheimnis von Koreas sportlichen Erfolgen

Tim Alper (Foto: Korea.net)

Etwas, das sicher jeden sportbegeisterten Korea-Reisenden überraschen wird, ist die schiere Vielfalt an sportlichen Aktivitäten, die man in einem - relativ gesehen - kleinen Land findet.

Unabhängig davon, ob Sie sich gern selbst sportlich betätigen möchten oder lieber in den Zuschauerrängen sitzen und zuschauen: Korea wird sicher Ihren Bedürfnissen gerechtwerden. Fast jeder Bezirk in jeder Stadt des Landes hat seinen eigenen Fußballverein, einen Laufclub und ein Basketballteam, von denen die meisten potenziellen neuen Mitgliedern gegenüber äußerst entgegenkommend sind.

Es gibt auch professionelle Mannschaften für Sportarten, die so unterschiedlich wie Baseball, Fußball, Basketball, Volleyball und Handball sind, während gemischte Kampfkünste, Bogenschießen und Golf ebenfalls sehr populär sind.

Das trifft aber nicht nur auf internationale Sportarten zu. Disziplinen, die sich in Korea entwickelt haben, sind auch sehr weit verbreitet. Taekwondo-Akademien lassen sich quasi an jeder Straßenecke finden, und diese Form der Selbstverteidigung ist insbesondere bei Kindern im Schulalter beliebt. Während der beiden großen koreanischen Feiertage, dem Neujahrsfest nach dem Mondkalender und dem Erntedankfest, werden Wettkämpfe in Ssireum, einer traditionellen Form des Ringens, zur besten Sendezeit bei großen koreanischen TV-Sendern gezeigt.

Ich komme aus Großbritannien, einem Land, das eine ähnliche Größe wie Korea hat. Dort, wo ich herkomme, ist Sport allerdings ein Synonym für Fußball, Rugby und Cricket. Die sportliche Vielfalt in Korea war für mich zunächst überwältigend. Mit der Zeit hat sie sich jedoch zu einem Suchtfaktor entwickelt.

Wenn Sie ein Sportfan sind, der Korea nur für kurze Zeit besucht, ist Ihre Erfahrung des Landes nicht vollständig, wenn Sie nicht an einem nationalen koreanischen Fußballspiel oder einem Spiel der koreanischen Baseballliga (KBL) teilnehmen.

Fußballfans bieten Spiele die Chance, die sogenannten „Red Devils“ zu erleben, Koreas berühmten nationalen Fußball-Fanclub. Die Fußballanhänger nur weniger Länder können es mit der positiven Fan-Leidenschaft der Mitglieder dieses Fanclubs aufnehmen, die ausgestattet sind mit zahlreichen Trommeln und unter denen sich Vorsänger, die Megaphone bei sich tragen, und frenetische Flaggenschwenker befinden.  

Ein noch größeres Fanfieber lässt sich bei professionellen Baseballspielen entdecken, die ebenfalls ein großartiges Gruppenerlebnis bieten. Während sich die einzelnen Schlagmänner vorbereiten, singen die Fans ein Lied für sie und fordern ihre Helden zu einem Homerun auf.

Besonders bemerkenswert in dieser Hinsicht ist die Kultmannschaft der Lotte Giants. Obwohl die Giants aus Busan kommen, ziehen sie bei jedem Spiel riesige Scharen enthusiastischer und ausgesprochen lautstarker Unterstützer an, unabhängig davon, in welche Stadt sie reisen.

Sportarten zum Mitmachen sind ebenfalls ein Muss für aktive Koreareisende. An Wochenenden oder nach der Arbeit begeben sich Fitnessfanatiker an dieFlussufer, um Fahrrad, Inline Skating oder Longboard zu fahren oder um in spontan entstehenden Basketball-Mannschaften mitzuspielen.  

Passionierte Läufer nehmen an Rennen teil, die fast jedes Wochenende des Jahres in den großen Städten stattfinden. Die erschwinglichen Teilnahmegebühren sorgen für hohe Teilnehmerzahlen, und die Entfernungen rangieren von Strecken von weniger als 5 Kilometer bis zu solchen in Marathon-Länge. Unabhängig vom Wetter lassen sich unter den Teilnehmern immer professionelle, aber auch eher laienhaft aussehende Läufer entdecken, die nur um des Vergnügens willen mitmachen.  

Die Gründe für Koreas überraschende sportliche Vielfalt sind allerdings sehr vielschichtig. Koreas vollständige Beherrschung der Disziplin des olympischen Bogenschießens ist zum Beispiel kein Zufall. Das Bogenschießen spielte eine prägende Rolle in der koreanischen Geschichte und Kultur. Dongmyeong, der erste Herrscher aus dem ersten Jahrhundert v.Chr., soll in der Lage gewesen sein, mit einem einzelnen Pfeil fünf Fliegen aufzuspießen. Dongmyeong war allerdings nicht der einzige berühmte Bogenschützen-König. Generationen von Herrschern nach ihm waren ebenfalls für ihre herausragenden Fähigkeiten im Bogenschießen bekannt.

In der Tat besteht Dongyi, eine alte chinesische Bezeichnung, die für die Koreaner verwendet wurde, aus Schriftzeichen, die „groß”, „Bogen” und „östlich” bedeuten. Dies kann als Hinweis darauf gewertet werden, wie bekannt die koreanische Kunst des Bogenschießens bereits in alten Zeiten war.

Jüngere geschichtliche Entwicklungen haben den koreanischen Sport ebenfalls beeinflusst. Südkoreas enge Beziehungen zu den USA nach dem Zweiten Weltkrieg bedeuteten, dass viele Aspekte der US-amerikanischen Populärkultur in die südkoreanische Gesellschaft eingeflossen sind, nachdem sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Städte füllten.

Das Bedürfnis, eine große Anzahl von Personen in den innerstädtischen Bereichen zu unterhalten, entwickelte sich schnell, und der Einfluss der USA bedeutete, dass sich Sport aus Amerika zur bevorzugten Freizeitaktivität entwickelte, insbesondere in den Jahrzehnten nach dem Koreakrieg (1950-1953). Überall schossen Baseballstadien und Basketballfelder wie Pilze aus dem Boden.

Trotz der Popularität von US-Sportarten veränderten sich die Dinge ab den 1980er Jahren in Korea wieder: Als Seoul den Zuschlag für die Austragung der Olympischen Sommerspiele 1988 erhielt, drehte sich in Korea alles nur noch um den Sportbereich. Die Regierung förderte weniger bekannte Sportarten in der Hoffnung, die Zahl der Medaillen zu erhöhen.

Im Fall von Handball haben sich diese Investitionen als besonders gewinnbringend erwiesen. Obwohl Korea in dieser Disziplin nur auf eine sehr kurze Geschichte zurückblicken kann, haben Koreas Frauen bereits Gold geholt und die Männer Silber. Diese Ergebnisse riefen eine kleine Handballrevolution in Korea hervor, und die Tatsache, dass es immer noch eine semi-professionelle Handballliga im Land gibt, die von großen Unternehmen unterstützt wird, hat der Finanzierung des Sportes vor 1988 viel zu verdanken.

Die Fußball-WM 2002, die von Korea und Japan gemeinsam ausgetragen wurde, spielte ebenfalls eine wichtige Rolle für die Förderung des Sportes. Vor dem Turnier schnellte die Zahl der aktiven Fußballspieler sowohl im Profi- als auch im Amateurbereich dramatisch in die Höhe, was dazu beitrug, das die Fußballmanie einen Höhepunkt erreichte und auch später auf diesem Niveau verharrte.

Die großzügige Förderung durch die Regierung, ein rapides städtisches Wachstum und eine phänomenale Mischung aus traditionellen und internationalen Sportarten haben Korea beachtenswerte Erfolge eingebracht. Insbesondere heizen diese Faktoren aber die nationale Leidenschaft für sportliche Aktivitäten an.

Tim Alper ist ein Autor und Kolumnist, der ursprünglich aus Großbritannien stammt. Er hat in den vergangenen zehn Jahren in Korea gelebt.

 

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