„Geschriebene Schriftzeichen transportieren Kultur”

Young Moon-ho, Generaldirektor des National Hangeul Museum (Fotos: Jeon Han)

Aus Anlass des diesjährigen 569. Jahrestags der Proklamation des koreanischen Alphabets Hangeul steht das National Hangeul Museum, das vor einem Jahr gegründet wurde, im Mittelpunkt des medialen Interesses.

Seit seiner Eröffnung am 9. Oktober letzten Jahres hat das Museum eine Reihe von Sonderausstellungen durchgeführt, darunter die Eröffnungsausstellung „König Sejong der Große begründet das Zeitalter der Hangeul-Kultur” sowie die Ausstellungen „Dechiffriere die Gesellschaft durch ihre Hangeul-Buchstaben”, „Hangeul in Romanen” und „Ein neuer Name in einer digitalen Welt, Code-Named_Hangeul: D55CD AE00“. Durch diese Ausstellungen hat das Museum seine Besucher dazu eingeladen, über ihr Alphabet aus einer größeren Perspektive nachzudenken - von der Vergangenheit bis in die Gegenwart.

Am ersten Jahrestags des National Hangeul Museum kommentierte dessen Generaldirektor Moon Young-ho: „Die Existenz eines Museums kann viele Veränderungen durchlaufen.“ Er sagte, dass er hoffe, den öffentlichen Erwartungen gerecht zu werden. Dies wolle er tun, indem er mehr historische Artefakte, die mit dem Hangeul zu tun haben, in den Besitz des Museums bringt und verschiedene Bildungsprogramme entwickelt.

In Bezug auf die existierende Sammlung von kulturellen Objekten des Museums zum Thema Hangeul sagte Moon: „Am Anfang war es schwierig, in den Besitz einiger Relikte zu gelangen. Da nun aber mehr Menschen über die Eröffnung des Museums Bescheid wissen, erhalten wir dieser Tage mehr Anfragen von Leuten, die historische Gegenstände spenden wollen.“

„Das Spenden von wertvollen Artefakten, die Menschen innerhalb ihres Lebens gesammelt haben, ist eine sehr lobenswerte Angelegenheit. Dank der Eröffnung des Museums können wir solche historischen Objekte auf systematische Weise bewahren“, fügte er hinzu.

Korea.net hat Generaldirektor Moon getroffen und mehr über die Fortschritte und die Bedeutung des Museums sowie über seine zukünftige Richtung erfahren.

Das Hangeul-Lerncenter im National Hangeul Museum

Welche Bedeutung hat die Eröffnung des National Hangeul Museum?

Die Mission eines Museums ist das Sammeln und die Bewahrung von wertvollen Daten und Berichten und das Anbieten und Teilen dieser Objekte durch Bildung im Interesse der Öffentlichkeit. In Bezug auf das National Hangeul Museum heißt das, dass das Museum Informationen über das Hangeul und Beispiele für die Schrift systematisch sammeln und bewahren sollte. Auch sollte es das Wissen über und das Verständnis für das Alphabet durch Ausstellungen und Bildungsprogramme ausbauen, um damit einen Beitrag zur Entwicklung des Landes zu leisten.

Auch wenn das Hangeul eine Geschichte von 569 Jahren hat, sind viele Beispiele für die Schrift beschädigt oder verschwunden. Wir haben ein sehr schlechtes Managementsystem. Obwohl unsere Vorfahren sehr gut im Aufzeichnen und Verwalten von Berichten waren, sind wir nicht gut genug in der Bewahrung solcher Daten, insbesondere bei Objekten aus modernen Zeiten. Beispielsweise können wir nicht mehr die Version 1.0 einer besonderen Software für Textverarbeitung in Hangeul oder die erste Schreibmaschine für Hangeul aus dem Jahr 1914 finden. In dieser Hinsicht wird es unsere Rolle sein, solche Daten systematisch zu sammeln und zu sortieren, wie es vom National Hangeul Museum angestrebt wird.  

Das National Hangeul Museum kann seine Daten und historischen Artefakte auch für die Forschung verwenden. Dies ist die unersetzbare Rolle eines Museums, die der öffentliche Sektor nicht ausfüllen kann. Eine weitere wichtige Rolle des Museums besteht darin, der Öffentlichkeit die entsprechenden historischen Objekte in Ausstellungen zu zeigen und das Verständnis von Hangeul und der Geschichte des Hangeul unter Normalbürgern zu vergrößern. Die Eröffnung des National Hangeul Museum hat es uns ermöglicht, eine solche Rolle in vollem Umfang auszufüllen.

Der Generaldirektor des National Hangeul Museum Moon Young-ho erklärt, auf welche Art und Weise das Museum den Besuchern die Möglichkeit bietet, sich durch die Ausstellungen einen Überblick über die Geschichte des Hangeul zu verschaffen. Auch spricht er darüber, wie das Museum Daten und historische Artefakte mit Hangeul-Bezug finden, sammeln und bewahren kann.

Auf welche Erfolge kann das Museum bis zum heutigen Tag zurückblicken?

Die Gesamtbesucherzahl im ersten Jahr unseres Museums liegt bei schätzungsweise rund 450.000 Personen, darunter 10.000 aus dem Ausland. Ich hoffe, dass diese Zahl steigen wird. Wir erhalten positive Kommentare von unseren Besuchern. In Zukunft müssen wir weitere Verbesserungen vornehmen.

Das Museum besitzt im Moment etwa 15.000 Exponate, die wir in den vergangenen zwei, drei Jahren gesammelt haben. Diese Zahl wird steigen. Museen in den Provinzen verfügen gewöhnlich durchschnittlich über etwa 50.000 Exponate. Wenn unser Museum jedes Jahr 4000 Objekte sammeln kann, könnten wir innerhalb der nächsten zwei, drei Jahre auf einer Stufe mit den anderen Museen sein. Wir haben eine große Anzahl an Artefakten gesammelt, von Nationalschätzen bis zu historischen Objekten, bei denen es sich lediglich um Alltagsgegenstände handelte. Dies kann als eine weitere Errungenschaft angesehen werden, da sich in Zukunft Gegenstände aus der Vergangenheit in wertvolle Artefakte von kultureller Bedeutung verwandeln können.

Wir haben ziemlich gute Objekte gefunden und viele Spenden erhalten. Eine Koreanerin, die in die USA ausgewandert ist, Leslie Song, hat einige in Hangeul geschriebene Briefe zur Verfügung gestellt, die sie an andere Koreaner geschrieben hatte. Diese Briefe sind wertvolle Dokumente, da sie die Schwierigkeiten zeigen, mit denen koreanische Auswanderer in die USA zu Beginn des 19. Jahrhunderts in den frühen Stadien der Auswanderung von Koreanern nach dorthin konfrontiert waren.

Was die Ausstellungen betrifft, hat sich das Museum darum bemüht, die Geschichte des Hangeul durch eine Reihe von Ausstellungen zu präsentieren, damit die Museumsbesucher mehr über die Schrift aus verschiedenen Blickwinkeln lernen können, sowohl aus der Perspektive der Vergangenheit als auch der Gegenwart.

Immer mehr Menschen zeigen Interesse am Hangeul und an der koreanischen Sprache, auch zum Teil dank der Popularität von koreanischer Popmusik und koreanischen TV-Serien in Ostasien und anderswo. Welche Rolle kann das Museum in dieser Hinsicht spielen?

Rund 10.000 internationale Touristen besuchten das Museum im letzten Jahr.Diese internationalen Besucher und auch die multikulturellen Familien in Korea spielen eine wichtige Rolle für die Globalisierung des Hangeul und der koreanischen Sprache. Unser Museum berücksichtigt dies: Wir bieten Sonderbildungsprogramme an und räumen ihnen einen besonderen Raum ein. In der Tat haben wir im dritten Stock unseres Museums ein Hangeul-Lerncenter, das sich an Nichtkoreaner richtet.Google hat uns beim Design dieses Ortes unterstützt. Besucher können dort durch Erfahrungen aus erster Hand die Grundprinzipien des Hangeul sowie die Grundzüge der koreanischen Sprache erlernen.

Das Hangeul-Lerncenter im dritten Stock des Museums stellt Hangeul und die Grundprinzipien hinter dieser Erfindung von Buchstaben und Silbenblöcken vor. Google hat das Museum beim Design der Ausstellung unterstützt.

Generaldirektor Young Moon-ho

Die New York Times schrieb im Januar dieses Jahres, dass das National Hangeul Museum eines der Reiseziele für das Jahr 2015 ist, die man unbedingt besuchen sollte. Warum erhält das Museum Ihrer Ansicht nach Aufmerksamkeit von ausländischen Medien?

Es ist sehr selten, dass man ein Museum für ein Alphabet findet, insbesondere auf nationaler Ebene.Es mag mehr solcher Museen in kleineren Gemeinschaften geben, aber sie behandeln tatsächlich eher eine Sprache oder eine bestimmte Art von gedrucktem Material. Dies beweist, wie schwierig es ist, auf der Grundlage eines Alphabets und geschriebenen Silbenblöcken ein Museum zu gestalten.

Trotz solcher Schwierigkeiten stößt das Museum weltweit auf Interesse, da akademische Kreise die Exzellenz des Hangeul anerkennen. In der Tat hat der japanische Gelehrte Noma Hideki gesagt: „Die Geburt des Hangeul war ein Wunder der Schreibsysteme. Die Erfindung des Hangeul war eine kulturelle Revolution.“ Vor der Erfindung des Hangeul haben die oberen Schichten in Joseon-Korea (1392-1910) Informationen durch alte chinesische Schriftzeichen übermittelt und untereinander ausgetauscht. Die Erfindung des Hangeul hat alles verändert. Es hat ihre gesamte Geisteshaltung verändert. Da geschriebene Zeichen oder Silbenblöcke Mittel sind, die die eigene Kultur transportieren, hat die Erfindung des Hangeul die gesamte Kultur verändert, die dann die gesamte Welt verändert hat.

1997 hat die UNESCO „Die richtigen Laute zur Unterweisung des Volkes”, das „Hunminjeongeum”, in seine Liste des Weltdokumentenerbes aufgenommen. Ich glaube, dass Linguisten aus aller Welt und die ausländischen Medien sich für die Exzellenz des Hangeul interessieren. Ein weiterer Faktor ist die steigende Popularität von koreanischer Popmusik und TV-Serien weltweit.

Die Kommunikation mit den Museumsbesuchern ist wahrscheinlich ebenfalls wichtig. Welcher Aspekt hat Ihrer Ansicht nach in Bezug auf die Kommunikation das größte Gewicht?

Obwohl dies ein Museum für die Schriftsprache ist, bin ich mir sehr stark bewusst, dass geschriebene und mündliche Sprache untrennbar sind. So versuchen wir uns auf die Ausbildung im Sprechen, Lesen und Schreiben des Koreanischen zu konzentrieren. In der Tat ist die Kommunikation das ultimative Ziel des National Hangeul Museum. Wir legen einen Schwerpunkt auf die Kommunikation. Wir planen die Entwicklung verschiedener Kommunikationsprogramme in zwei Teilen: Kommunikation innerhalb einzelner Generationen und Kommunikation zwischen Generationen.

Ich betone die Bedeutung von Kommunikation gegenüber den Mitarbeitern unseres Museums. Egal ob klassisch oder modern: Ich sage ihnen, dass wir Programme für Familien schaffen müssen, sodass sie zusammen lesen und Zeit verbringen können. Diese Faktoren spiegeln sich in allen unseren Bildungsprogrammen wider. Ich rede immer mit unseren Angestellten in unseren Ausstellungsräumen oder in unseren Räumen für Ressourcen. Ich frage sie, wie die Resonanz der Besucher auf unser Angebot ist.

Das National Hangeul Museum führt Bildungsprogramme durch, die sich an verschiedene Personengruppen richten, von Kindern und Jugendlichen bis zu Erwachsenen und ausländischen Besuchern. Welche Richtung werden Ihrer Ansicht nach die Bildungsprogramme in Zukunft einschlagen?

Kinder sind die wichtigsten Besucher des Museums. Wir haben eine besondere Fläche für sie. Wir führen Bildungsprogramme für sie durch, die wir in Zukunft ausbauen werden.

Anders als andere Museen, die ihre Räume für Ressourcen an weniger sichtbaren Orten platzieren, haben wir unseren Raum für Ressourcen im Zentrum des Museums angesiedelt. Wir sammeln auch mehr individuell angepasstes Material und konzentrieren uns auf geschriebene Dokumente und Literatur sowie auf Kinderbücher. Besucher können diese Materialien ausleihen, wie in einer Bibliothek. Anders als öffentliche Bibliotheken kann dieses Museum jedoch Daten aus spezifischen Bereichen sammeln. Das ultimative Ziel des Ressourcenraums ist es, sich in eine Bibliothek in einem spezialisierten Bereich zu verwandeln. Wir haben auch die Tatsache berücksichtigt, dass es in der Nähe des Museums keine öffentliche Bibliothek gibt. Da es in der Stadt viele Multifunktionsflächen gibt, sollte es nicht zu überraschend sein, dass dieses Museum auch eine Bibliothek betreibt und hin und wieder Konzerte und Performances aufführt. Während der Schulferien berücksichtigen wir die Bedürfnisse der Eltern, die in dieser Gegend wohnen: Wir bieten dann Sonderprogramme an, darunter Bildungsprogramme für Kinder über das Lesen oder das Gesundheitsmanagement.

Welche Botschaft wollen Sie durch das National Hangeul Museum übermitteln?

Eine kürzliche Umfrage ergab, dass mehr als 60 Prozent der Koreaner stolz auf das Hangeul sind. Das trifft auch auf mich persönlich zu. Ich hoffe, dass das National Hangeul Museum einen Beitrag dazu leistet, seine Handlungen mit einer solchen Wertschätzung in Einklang zu bringen. Wäre es nicht großartig, wenn Sie mit einem Blick die Geschichte des gesamten Hangeul erfassen und neu über die Buchstaben und Silbenblöcke nachdenken könnten? Wenn Sie tatsächlich „Die richtigen Laute zur Unterweisung des Volkes“ und die handgeschriebenen Briefe von König Jeongjo mit Ihren eigenen Augen sehen könnten, nicht nur in einem Schulbuch? Die Existenz eines solchen Museums kann einen großen Unterschied machen, indem alle kulturellen Gegenstände mit Hangeul-Bezug an einem Ort und systematisch gesammelt und ausgestellt werden. Wir werden fortfahren, in dieser Hinsicht weitere Fortschritte zu erzielen.

Linguisten aus aller Welt prophezeien, dass rund die Hälfte der etwa 6500 Sprachen der Welt in naher Zukunft verschwinden werden. Wenn eine Sprache verschwindet, folgen auch ihr Schriftsystem und ihr Alphabet. Wenn dies der Fall ist, verschwindet auch die Kultur. Es besteht auch die Möglichkeit, dass das Hangeul verschwindet. Wenn ich dies berücksichtige, hoffe ich, dass die Leute Hangeul nicht einfach nur als einfaches Alphabet und eine Reihe von Silbenblöcken betrachten, sondern als ein Schriftsystem, das über das Überleben einer Kultur und ihrer gesamten intellektuellen Welt entscheiden kann.

Deshalb spreche ich immer wieder über die kulturellen Aspekte des Hangeul, auch wenn dies ein Museum über das Alphabet und das Bilden von Silbenblöcken ist. Da Schriftsysteme Instrumente zur Vermittlung von Kultur sind, bin ich der Überzeugung, dass es unsere Mission ist, uns weiterzuentwickeln und das Hangeul an unsere Nachkommen weiterzugeben. Ich hoffe, dass die Koreaner die selbe Auffassung vertreten.

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