Kore.net-Liste der sehenswerten Filme: Seopyonje

Eine Szene aus „Seopyonje"
Eine Szene aus „Seopyonje"

Es sind die frühen 1960er Jahre. Ein Mann in seinen Dreißigern betritt ein Wirtshaus auf dem Lande. Er denkt an seine Vergangenheit, als er eine Darbietung des Pansori hört, einer traditionellen Form des lyrischen Geschichtenerzählens, das von der Besitzerin des Wirtshauses zum Besten gegeben wird.

Der Name des Mannes ist DongHo, gespielt von Kim Gyu-cheol. Als er jung war, erhielt DongHo eine strenge musikalische Ausbildung von YuBong, gespielt von Kim Myeong-gon, der selbst ein herausragender Pansori-Sänger ist.

DongHos Mutter, eine Witwe, hat eine Affäre mit YuBong, und sie verlassen gemeinsam mit ihren Kindern die Stadt. Nun leben sie zu viert zusammen – DongHo, seine Mutter, YuBong und seine Tochter SongHwa, die ursprünglich ein Waisenkind war. Sie wird von der Schauspielerin Oh Jeong-hae gespielt. DongHos Mutter stirbt bei einer Geburt, sodass sie zu dritt übrigbleiben.

YuBong lehrt die beiden Kinder das Pansori. Er unterrichtet SongHwa im Gesang und DongHo im Trommeln. DongHo kann allerdings nicht verstehen, wozu sie das Pansori lernen sollen, wo sich doch das Land aufgrund des Kriegs in schwerer wirtschaftlicher Not befindet. DongHo gerät mehrfach in Streit mit YuBong und verlässt schließlich sein Zuhause. Nachdem DongHo geht, verweigert SongHwa das Singen und die Nahrung. Nach langer Zeit begibt sich DongHo auf die Suche nach seiner Schwester und findet sie schließlich in einer Schänke. Bruder und Schwester wechseln kein Wort miteinander; sie singen und trommeln nur. Am nächsten Morgen gehen DongHo und SongHwa wieder getrennte Wege, ohne miteinander gesprochen zu haben.

Kommentar von Kim Si-mu, Filmkritiker und Jurymitglied der Internationalen Filmfestspiele Busan

Der Film „Seopyonje”, der 1993 herauskam, brach alle bisherigen Kinorekorde. Er ist das 93. Werk des Regisseurs Im Kwon-taek. Der Einsatz von Rückblicken, der als eines der wichtigsten Charakteristika von Ims Arbeit betrachtet wird, durchzieht auch den gesamten Film „Seopyonje”. Die erste Szene zeigt DongHo in seinen Zwanzigern, der in einem Wirtshaus nach seiner älteren Schwester fragt. Die Schwester, nach der er verzweifelt sucht, ist Song(松) Hwa(花), deren Name „Kiefer“ und „Blume“ bedeutet. SonghWa ist allerdings nicht da, und die Kamera sucht in DongHos Erinnerung nach Spuren von ihr.

Für YuBong ist das Pansori die wichtigste Sache der Welt. Nichts hat mehr Bedeutung für ihn, als es DongHo und SongHwa beizubringen. Die drei Familienmitglieder reisen durchs ganze Land, um sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Besorgt wegen der wenig erfolgversprechenden Zukunft des Pansori wehrt sich DongHo gegen die selbstgefällige Art seines Vaters und verlässt schließlich sein Zuhause, um sich aus den Familienbanden zu lösen. Geraume Zeit später, nachdem er erwachsen geworden ist, beginnt DongHo die Suche nach seiner Familie.

Eines Tages begegnet DongHo auf der Straße einem Maler namens Naksan, den er von früher kennt. Er erfährt, dass YuBong direkt nach dem Krieg starb und dass er SongHwa dazu brachte, ihre Erblindung herbeizuführen, da er meinte, dass dies notwendig sei, damit sie „Han“ entwickelt. Han ist ein koreanischer Begriff, der ungelöste Ressentiments oder tiefen emotionalen Schmerz beschreibt. Dieses Gefühl ist nach Ansicht von YuBong notwendig, um einen guten Klang zu erzeugen.

In diesem Teil des Films müssen wir an „Humanismus” denken, eines der meistverwendeten Worte, um das Werk von Regisseur Im zu umschreiben. Zumindest in „Seopyonje“ bringt Regisseur Im das Konzept der Kunst um der Kunst willen anstelle des Humanismus auf. Seine Tat, seiner Tochter das Augenlicht zu nehmen, scheint nichts mit Humanismus oder familiärer Zuneigung zu tun zu haben.

Die Ironie ist, dass seine Tochter aus ihrer Erblindung niemals ein Gefühl des Han entwickelt. SongHwa akzeptiert die Situation einfach als ihr Schicksal und gehorcht ihrem Vater sowie der Gesellschaft, zu der sie gehört.

Das bedeutet, dass YuBong in dem scheitert, was er erreichen wollte. Sein Versagen entsteht nicht daraus, dass er seine Tochter dazu überredete, giftige Kräuter zu konsumieren, sondern dass er sie auf sehr künstliche Weise zwang, die Gefühle zu durchleben, die er selbst durchlitten hat. YuBong muss diese Gefühle als etwas Objektives und Konkretes betrachtet haben.

In der Tat ist das Gefühl Han etwas, das aus der eigenen persönlichen Erfahrung kommen sollte. Die Art und Weise, wie SongHwa ihr eigenes Han durch Gesang zum Ausdruck bringt, wird zum Haupterzählstoff des Films.

Ich möchte darauf hinaus, dass wir das alte Konzept des Humanismus vergessen sollten, um die starke Botschaft des Films zu verstehen. Noch wichtiger ist, dass Regisseur Im sich vom Konzept der Kunst um der Kunst willen befreit.

SongHwa und DongHo führen ein Pansori auf.
SongHwa und DongHo führen ein Pansori auf.

Zu Ende des Films trifft DongHo, der SongHwa sehr vermisst, endlich seine Schwester. SongHwa lebt mit einem Mann namens CheonGa in einem schäbigen Wirtshaus. Ohne ihr zu sagen, wer er ist, nimmt DongHo ganz ruhig eine Trommel in die Hand und bittet sie, zu singen. Das Duo führt bis spät in die Nacht ein Pansori auf. Sie sagen einander zu keinem Augenblick, wer sie sind. SongHwa hat DongHo bereits durch seine Trommelschläge erkannt. Aber sie nennt ihn niemals beim Namen. Sie präsentiert das Pansori „Simcheongga“ (,Das Lied von Simcheong‘). Ihre Darbietung ist besser als alle ihre Performances in der Vergangenheit und beweist, dass sie eine Meisterin des Pansori geworden ist.

Am nächsten Morgen verlässt DongHo das Wirtshaus. SongHwa bereitet sich auch darauf vor, sich von dem Ort zu verabschieden, da sie keinen Grund hat, länger zu bleiben. CheonGa bemerkt gegenüber SongHwa, dass sich ihr Auftritt wie die körperliche Liebe zwischen zwei menschlichen Wesen angefühlt habe. Er fragt sie, warum sie so getan habe, als ob sie ihren Bruder nicht kenne. SongHwa antwortet, dass sie ihr Han nicht verletzen wolle. Diese Konversation sollte uns einen Einblick in SongHwas Han geben.

Was bedeuten ihre Worte? Sie sagte, dass sie nicht ihr Han verletzen wolle. Sie hat weder ihren Vater für ihre Erblindung verantwortlich gemacht, noch ihren Bruder, der die Familie verlassen hat.

In der Tat teilen DongHo und SongHwa nicht die selbe Blutslinie. Seit ihrer Jugend haben sie einander geliebt. Der Umstand, dass sie per Zufall Teil der selben Familie wurden, hat ihre Beziehung zueinander eingeschränkt. DongHo ist für SongWha nicht einfach nur ein Bruder, sondern der Mann, den sie liebt. Ebenso erging es ihm mit ihr.

YuBong war für SongWha wie ein Vater. Er zog sie wie seine eigene Tochter groß. Sie hatte keine andere Wahl, als DongHo als ihren Bruder zu betrachten.

Die schicksalhafte traurige Liebe kann bei SongHwa lediglich ein Gefühl des Han hinterlassen. Die Situation, die ihre Liebe verhindert hat, wurde zur Quelle eines unbeschreiblichen emotionalen Schmerzes. Das ist der Grund, warum SongHwa einige Klangspuren hinterließ, als sie umzog, die DongHo schließlich halfen, SongHwa zu finden. Als sie sich wiedertrafen, beschlossen die beiden, über das Pansori, eine Mischung aus Gesang und Trommeln, in Verbindung miteinander zu treten. Vielleicht hätten sie gern mehr gewollt, aber das hätte das Gefühl des Han beeinträchtigt. Die Lehren von Freud scheinen sich auch auf diesen Film anwenden zu lassen.

Aus dieser Perspektive ist das, was Regisseur Im durch den Film beschreiben wollte, nicht die warme Zuneigung von menschlichen Wesen. Noch ist der Film Kunst um der Kunst willen. Es muss seine Intention gewesen sein, eine herzzerreißende Liebesgeschichte zu erzählen.

YuBong sagt in dem Film: „Das Lied ,Dongpyonje' ist schwermütig, während das Lied ,Seopyonje' emotionaler und trauriger ist. Die beiden Lieder kennen keine Grenzen, wenn sie das Han überschreiten.“ Dieser Ausspruch weist implizit auf das Schlüsselthema des Films hin.

*Diese Serie von Artikeln wurde durch die Kooperation mit dem Koreanischen Filmarchiv ermöglicht.

Zurück