"Korea und Russland müssen Wissen übereinander vergrößern, um enger zsammenzurücken"

Ilya Belyakov

Kürzlich hat sich in großen Rundfunkanstalten in Korea ein neuer Trend entwickelt. Sie haben begonnen, Nichtkoreaner/innen vorzustellen, die fließend Koreanisch sprechen und umfangreiche Kenntnisse über die koreanische Kultur besitzen. TV-Shows wie „Beauty Talk“ und „Abnormal Summit“ haben koreanische Fernsehzuschauer darin unterstützt, sich der Globalisierung Koreas stärker bewusst zu werden, bei der Menschen unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlichen kulturellen Hintergrunds an der heutigen multikulturellen Gesellschaft teilhaben. Diese Programme bieten koreanischen Fernsehzuschauern die Gelegenheit, die Unterschiede und Ähnlichkeiten wahrzunehmen, die zwischen den Menschen bestehen, und ihnen zu helfen, die Kulturen anderer Länder zu verstehen.

Dieser junge Mann kam zum ersten Mal vor 13 Jahren nach Korea und sprach damals schon fließend Koreanisch. Nachdem er an der Far Eastern Federal University Koreanisch im Hauptfach studiert hatte, setzte er am Korean Language Institute der Yonsei University seine Studien als Stipendiat fort, der von der Korea Foundation unterstützt wird.

Seine Koreanischkenntnisse verbesserten sich immer weiter, und Belyakov stieg zur ersten Person russischer Herkunft auf, die das bestmögliche Ergebnis im Test of Proficiency in Korean (TOPIK) erzielte. Er setzte seine Studien fort und erhielt einen Master von der Yonsei University. Gegenwärtig macht er seinen Doktor in Anthropologie und Lingustik an der Abteilung für Anthropologie der University of South Carolina-Columbia. Dank seiner ausgeprägten linguistischen Fähigkeiten – fließende Beherrschung nicht nur des Koreanischen, sondern auch des Japanischen, Französischen und Spanischen – und seiner soliden Kenntnisse war er in den unterschiedlichsten Bereichen tätig: Dolmetscher im medizinischen Bereich, Angestellter in einem großen Unternehmen, Kolumnist, Journalist und TV-Star. Korea.net traf sich mit ihm zu einem Interview.

Es ist beeindruckend zu sehen, wie fließend Ihr Koreanisch ist. Wie haben Sie Koreanisch gelernt? War es schwierig für Sie, sich an die Grammatik, das Vokabular und die idiomatischen Ausdrücke im Koreanischen zu gewöhnen, in einer Sprache, die sich völlig vom Russischen unterscheidet?

Es ist 13 Jahre her, dass ich das erste Mal nach Korea kam, im Jahr 2003. Auch wenn ich die koreanische Sprache im Hauptfach studiert habe, hatte ich keine besonderen Lern- oder Studienmethoden. Ich denke, dass es einfach das Ergebnis von großen Anstrengungen ist. Ich habe Bücher gelesen, Vokabular und Grammatik gelernt. Etwa 99 Prozent der Professoren waren Russen, mit nur zwei koreanischen Dozenten in der Fakultät. Als ich Koreanisch in Russland studierte, gab es einige Spezialisten für die koreanische Sprache im Land, aber definitiv nicht viele. Wenn es zum Beispiel 20 Professoren in der Abteilung für Mandarin-Chinesisch gab, gab es im Vergleich nur einen Professor in der Fakultät für die koreanische Sprache. Sie können die beiden Sprachen einfach nicht vergleichen.

Was hat Ihr Interesse am Koreanischen geweckt? Es gibt ja so viele Sprachen in der Welt.

Ursprünglich hatte ich gar nicht vor, die koreanische Sprache zu lernen. Es war eher ein Zufall. Ich habe mich während meiner Zeit an der Highschool so sehr für Fremdsprachen interessiert, dass ich beschloss, eine fremde Sprache zu studieren, wenn ich an der Universität bin. Ich habe mich bei vielen Sprachfakultäten beworben, und die Fakultät für die koreanische Sprache war eine von ihnen. Ich wurde bei den anderen Sprachen nicht angenommen, außer beim Koreanischen. So begann es. Auch wenn alles eher durch einen Zufall zustande kam, habe ich niemals gedacht, dass ich so weit mit der koreanischen Sprache kommen würde und dass ich hier Wurzeln schlagen würde.

Mit welchem Thema haben Sie sich in Ihrer Master-Arbeit beschäftigt?

Ich habe meinen M.A. in Linguistik an der Graduate School of Korean Literature and Language an der Yonsei-University gemacht. Das Thema meines Masters war ähnlich wie das meines Bachelors.

Der Titel meines M.A. lautete: „Unterschiede der syntaktischen Konzepte in der koreanischen und russischen Sprache, und syntaktische Konzepte im Russischen aus dem Koreanischen.”

In welchem Ausmaß haben sich die koreanische Popkultur und Kunst in Russland verbreitet?

Als ich Anfang der 2000er Jahre mit dem Koreanischstudium begann, gab es keine Informationen über Korea. Wenn ich koreanische Musik hören oder einen koreanischen Film sehen wollte, musste ich jemanden, der nach Korea fuhr, fragen, mir etwas mitzubringen. Es gab keine Bücher auf Koreanisch, keine koreanische Musik und keine koreanischen Filme. Auch das Internet war damals nicht in vollem Umfang entwickelt, ebenso die sozialen Medien wie YouTube oder Facebook. Es gab keine Informationen über Korea. Die einzige verfügbare Information waren einige Bücher und CDs, die meine Professoren zurückbrachten, nachdem sie Korea im Urlaub besuchten. Ich stieß buchstäblich mit dem Kopf gegen die Wand.

In den 1990er Jahren, als Korea und Russland ihre diplomatischen Beziehungen etablierten, gab es keine russischen Dolmetscher in Korea. So musste die Regierung dringend jemanden finden.

Richtig, das liegt daran, dass die beiden Länder weder einen Austausch untereinander noch Wissen übereinander hatten. Wenn man die damaligen Zeiten bedenkt, haben sich sehr viele Dinge in weniger als zehn Jahren verändert, in einer relativ kurzen Zeitspanne.

Russische Literatur, von den Werken Puschkins, Tolstois und Dostojewskis bis zu denen Solschenizyns, sind beiKoreanern seit mehr als 100 Jahren beliebt. Wie haben Sie sich gefühlt, als Sie herausgefunden haben, dass russische literarische Werke ins Koreanische übersetzt wurden?

Ich wusste nicht, dass russische Literatur in Korea überhaupt bekannt ist. Ich war sehr überrascht, als ich das herausfand. Ich kann allerdings nicht ehrlich behaupten, dass viel russische Literatur ins Koreanische übersetzt wurde. Aus russischer Perspektive habe ich nicht das Gefühl, dass russische Literatur in Korea sehr bekannt ist. Ich nehme an, dass es daran liegt, dass Russland so viele Schriftsteller und Künstler hat.

In vielen Friseurläden in Korea hängt ein bekanntes Gedicht von Puschkin an der Wand. An diesem Beispiel können Sie erkennen, dass die russische Kultur in jeden Bereich der koreanischen Gesellschaft eingebettet ist.

Tatsächlich ist die koreanische Literatur nun in Russland sehr bekannt. Allerdings werden dieser Tage nach und nach mehr Arbeiten übersetzt und vorgestellt. Sie sind jedoch nicht sehr populär. Da die beiden Länder solche großen kulturellen Unterschiede aufweisen, scheint es, dass die koreanische Literatur nicht sehr gut zur Gefühlswelt der Menschen in Russland passt.

Während Ihres Lebens in Korea in den vergangenen 12 Jahren müssen Sie viele Veränderungen erlebt haben. Ihre Heimatstadt unterscheidet sich sehr von Seoul. Wie haben Sie sich diesen Veränderungen angepasst? Hatten Sie irgendwelche Schwierigkeiten, seitdem Sie in Korea leben?

Um ehrlich zu sein, habe ich keinen größeren Kulturschock erlebt. Ich war offen, aber vielleicht noch wichtiger ist, dass ich bereits Spezialwissen über Korea hatte, bevor ich hierherkam. Ich konnte bereits auf einem bestimmten Niveau Koreanisch sprechen und hatte bis zu einem gewissen Grad ein Verständnis von Korea. Als ich in Wladiwostok war, hatte ich guten Kontakt zu koreanischen Studenten. So habe ich keinen Kulturschock erlebt, da ich vorbereitet war.

Natürlich brauchte ich etwas Zeit, um mich anzupassen. Ich war anders als andere Nichtkoreaner, die nach Korea ohne jedes Wissen über das Land kamen. Auch wenn es nicht besonders umfassend war, hatte ich bereits ein gewisses Verständnis von Korea. Ich erlebte eine Art sanfte Landung und hatte kein Problem damit, in der ersten Hälfte meines Aufenthalts im Land zu leben. Als ich sich mein Aufenthalt ausdehnte, ich zu arbeiten begann und tiefer in die Gesellschaft vordrang, wurde es jedoch schwieriger. Die größte Schwierigkeit stellte die Arbeitswelt in Korea dar. Die Hierarchien hier waren das Schwierigste von allem. Wir haben auch in Russland Hierarchien, aber es ist nicht das Gleiche wie in Korea. Es gab einige Bereiche, die ich nicht verstehen oder nicht akzeptieren wollte, auch wenn ich sie eigentlich verstand.

Wenn es ums Trinken geht, konsumieren Koreaner statistisch gesehen mehr als Russen. Da der Wodka einen hohen Alkoholgehalt hat, trinken Russen nicht viel, was das Volumen angeht. Soju ist nicht so stark wie Wodka. So trinken die Koreaner wirklich sehr viel. Wenn wir die beiden durchschnittlichen Alkoholmengen vergleichen, die pro Person konsumiert werden, trinken Koreaner mehr als Russen.

Was mögen Sie an Korea?

Ziemlich viel. Ich liebe das Reisen. Deshalb fahre ich überall hin. Wann immer ich auf Reisen gehe, möchte ich nach Korea zurückkehren, weil alles so komfortabel hier ist. Ich würde am liebsten alles erwähnen, aber das Beste, insbesondere an Seoul, ist die gute Infrastruktur. Auch wenn sich viele Koreaner dessen nicht bewusst sind, finden es viele Nichtkoreaner sehr komfortabel, Toiletten innerhalb von U-Bahnstationen vorzufinden. Sie sind sauber, und was noch wichtiger ist: Sie sind kostenlos. Das ist wirklich wunderbar. In Europa finden Sie vielleicht an einigen Orten eine Toilette in der U-Bahnstation, aber sie sind nicht kostenlos.

In der Tat hatten wir vor 30 Jahren auch in Korea schmutzige Toiletten, auf die niemand gehen wollte. Sie wurden sauber, weil wir Anstrengungen unternommen haben.

Richtig. So viele Dinge haben sich verändert. Wenn ich es mit dem Jahr 2003 vergleiche, als ich das erste Mal nach Seoul kam, kann ich heute viele Veränderungen feststellen. Damals hatten wir nicht den Strom Cheonggyecheon in Seoul. Es gab nicht genug öffentlichen Nahverkehr, und wir hatten nur sieben U-Bahnlinien. Heute haben wir neun U-Bahnlinien. Wenn wir uns Russland ansehen, ist Moskau vielleicht so komfortabel wie Seoul, auch wenn sich die beiden Städte natürlich unterscheiden. Aber andere Städte sind anders, da Russland ein großes Land mit mehr als 60 ethnischen Gruppen ist.

Sie haben sich mit Linguistik befasst, haben aber auch als Dolmetscher im medizinischen Bereich gearbeitet, was sowohl man als unerwartet aber auch als sehr praktisch ansehen kann.

Es liegt an meinem Charakter, dass ich diese Dinge tun wollte. Ich dachte, dass ich erst einmal Einblicke in verschiedene Bereiche sammeln sollte. So habe ich in einer großen Firma, als Dolmetscher im medizinischen Bereich und als Freiberufler gearbeitet. Ich wurde Lehrer, übernahm Halbtagsjobs, arbeitete als Journalist und trat im Fernsehen auf. Was den Journalismus angeht, arbeitete ich sowohl für einen russischen als auch für einen koreanischen Rundfunksender.

Wenn man Ihr Alter bedenkt, scheinen Sie viele Erfahrungen gesammelt zu haben. Würde man sie niederschreiben, könnte Ihre Geschichte mehrere Bücher füllen.

Ich träume in der Tat davon, irgendwann in Zukunft ein Buch zu schreiben.

Welches ist Ihr koreanisches Lieblingsessen?

Ich esse auf täglicher Basis Koreanisch. Ich mag viele Gerichte, aber ich bevorzuge Suppen wie Ginseng-Hühnersuppe oder Rinderknochensuppe. Ich bin mir nicht sicher, ob viele Russen koreanisches Essen mögen, da sich die koreanische Küche sehr stark von der russischen unterscheidet. Wenn ich ein Gericht auswählen sollte, wäre Ginseng-Hühnersuppe meine erste Wahl. Es gibt große Unterschiede zwischen der russischen und der koreanischen Küche, und beide Küchen verwenden unterschiedliche Zubereitungsmethoden.

Es scheint, dass Sie eine untrennbare Affinität zu Korea und der koreanischen Gesellschaft besitzen. Was erhoffen Sie sich durch die Kommunikation mit Korea?

Mein Traum ist es, Professor zu werden. Ich möchte weiterstudieren, meinen Doktor machen und an der Universität Linguistik lehren. Ich interessiere mich sehr stark für Linguistik und liebe diesen Bereich. Deshalb möchte ich weiterstudieren, um mich zu qualifizieren und Studierende zu unterrichten. Das kann entweder in Korea oder in einem anderen Land sein, aber ich möchte etwas unterrichten, das mit Korea zu tun hat.

Welcher Reiz liegt für Sie als Linguist in der koreanischen Sprache?

Das Koreanische ist sehr logisch. Wenn wir es mit dem Russischen vergleichen, können Sie den deutlichen Unterschied sehen. Aus linguistischer Perspektive gibt es eine Regel in der Grammatik, und 99 Prozent der koreanischen Grammatik folgt dieser Regel. Im Russischen gibt es in 50 Prozent der Fälle eine Ausnahme. Auch wenn das Russische seine Regeln hat, gibt es dort auch so viele Ausnahmen. Wenn wir Nichtrussen die russische Sprache beibringen, die eine andere Muttersprache haben, haben viele Schwierigkeiten beim Lernen. Koreanisch ist dagegen logisch. Es hat eine Struktur, die man leicht verstehen kann. Wenn Sie die Regeln kennen, können Sie die Grammatik anwenden, ähnlich wie im Deutschen.

Fotos: Jeon Han

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