Koreanische Stummfilme entdecken

Lyudmila Mikheesku

Die Filmindustrie hat mich schon immer fasziniert. Insbesondere begeistert mich die Zeit des Stummfilms. Leider vergessen wir im modernen Zeitalter oft, dass Filme zunächst und vor allem eine visuelle Kunstform sind. Wichtiger als die Worte oder die Themen ist das bewegte Bild. Auch ohne Dialog kann ein Film eine Geschichte erzählen, eine Atmosphäre und ein Gefühl übermitteln. Das nennen wir die „Kunst“ des Kinos. Vor dem Übergang zum Tonfilm haben sich Produzenten in Europa, den USA und in Russland stetig darum bemüht, die visuelle Technologie zu verbessern, um auch komplexere Geschichten zu erzählen. Deshalb sind Stummfilme im Vergleich zu modernen Filmen in vielerlei Hinsicht visuell komplexer, kreativer und innovativer.

Dank meines Interesses am koreanischen Film habe ich mich mit den Stummfilmen beschäftigt und schnell verstanden, dass koreanische Stummfilme die westliche Welt in keiner Weise spiegelten. Aufgrund der Tatsache, dass Korea über mehrere Jahrhunderte von der Außenwelt isoliert war, gelangte der Film erst siebeneinhalb Jahre nach der ersten Filmvorführung (1895) durch die Lumière-Brüder nach Korea.

Die Koreaner haben ihren erstes Hwaldong Sajin(활동사진) – wortwörtlich „bewegtes Foto“ - 1903 gesehen. Die koreanische Filmindustrie betrachtet den 27. Oktober 1919, den Tag der Premiere von „Fight for Justice" (의리적구토) - ein Bühnenstück, das eine gefilmte Szene in die Aufführung integrierte – als Geburtsstunde des koreanischen Kinos. Der erste Film in voller Länge wurde allerdings erst vier Jahre später gezeigt.

In früheren Zeiten wurde Stummfilme in der westlichen Welt zumeist von einem Pianisten oder einem Orchester begleitet. Ursprünglich gab es eine Art von „Film-Guide“, der dem Publikum die Bedeutung der Szenen erläuterte, wenngleich dies keine gängige Praxis war. In Korea hingegen wurden Stummfilme stets von einer Live-Band und von einem Erzähler (Byeonsa) begleitet. Byeonsas haben die Szenen nicht nur erzählt, sondern auch die Stimmen der Schauspieler imitiert und den Film um verschiedene Klangeffekte bereichert.

Das Konzept eines Byeonsa kommt aus Japan. Diese vielseitigen Erzähler haben dem Publikum in Korea und Japan in der Stummfilm-Ära ein einzigartiges Kinoerlebnis vermittelt. Es wird angenommen, dass Koreaner in dieser Zeit des Filmerzählers bedurften, um die Handlung von ausländischen Filmen zu verstehen.

Im Laufe der Zeit änderte sich ihre Rolle vom Kommentator zum Darsteller. So wie die Pansori-Sänger oder die Darsteller des Maskentanzes mit den Zuschauern interagierten, interagierten die Byeonsas mit ihrem Publikum.

Abschließend kann ich sagen, dass sich die Stummfilme der westlichen Welt gänzlich von den in Korea produzierten Stummfilmen unterscheiden. Bis heute sind die frühen Filme aus Korea einzigartig in der Filmgeschichte weltweit.

 

Lyudmila Mikheesku ist Bildredakteurin des russischen Medienunternehmens Nezavisimaya Gazeta.

Zurück