Koreas Kaffeekultur

Ilya Belyakov

Wenn Russen zum ersten Mal nach Korea kommen, sind sie oft über die koreanische Angewohnheit des Kaffeetrinkens verwundert, da sie eigentlich davon ausgegangen sind, dass Koreaner lieber Tee trinken, wie ihre asiatischen Nachbarn. In Wirklichkeit soll der koreanische Kaffeekonsum sogar höher sein als der Südamerikas oder der USA.

Laut Studien des Ministeriums für Landwirtschaft, Lebensmittel und ländliche Angelegenheiten ist Korea eines der Länder, in denen der Kaffeekonsum weltweit am höchsten ist. Der durchschnittliche Koreaner trinkt in der Woche mehr Kaffee, als dass er Kimchi isst. Basierend auf Daten von Starbucks ist Korea das Land mit den meisten Starbucks-Läden. Das Getränk wird dort in 284 Filialen des Unternehmens angeboten. Im Jahr 2013 wurden schätzungsweise rund 657.000 Tonnen Kaffee verkauft. Wenn Sie sich das Verhältnis zwischen der Gesamtbevölkerung und dem Kaffeekonsum ansehen, steht Korea weltweit an der Spitze. Das wirft die Frage auf: Warum sind so viele Koreaner süchtig nach diesem nicht-traditionellen Getränk?

In Korea ist Kaffee mehr als ein Heißgetränk: Es ist Teil der Arbeits- und Lebenskultur. Büroangestellte kaufen sich in der zweiten Hälfte ihrer Mittagspause nicht nur einen Becher Kaffee, um sich einen Koffeinschub zu holen. Sie möchten einen Moment der Entspannung erleben, wenn sie mit einem Kaffeebecher in der Hand zusammensitzen und plaudern. Egal ob es sich um Geschäftspartner, Kollegen, Freunde oder eine romantische Verabredung handelt - Kaffee spielt eine riesige Rolle, um eine Atmosphäre zu schaffen, die eine soziale Interaktion ermöglicht. Um es anders auszudrücken: Kaffee wird niemals allein um des Kaffeetrinkens willen konsumiert.

Korea hat eine sehr hochentwickelte Gastronomie-Szene. Anders als Russland, wo Kollegen und Freunde gewöhnlich zum Essen in das eigene Zuhause eingeladen werden, treffen sich die Menschen in Korea gewöhnlich in Restaurants oder Cafés. Das ist der Grund, warum es so viele Kaffeehäuser in der Stadt gibt und warum das Kaffeetrinken so verbreitet ist. Kaffee ist ein Vorwand, um soziale Kontakte zu pflegen und sich mit Freunden auszutauschen. Die Cafés in der Innenstadt von Seoul sind besonders zur Mittagszeit sehr gut gefüllt. Für Büroangestellte hat es sich zu einem vertrauten Ritual entwickelt, als Teil ihrer täglichen Routine nach dem Mittagessen einen Kaffee zu kaufen. Diese Gewohnheit besteht trotz der Tatsache, dass in einigen Fällen der Becher Kaffee mehr kostet als das eigentliche Mittagessen.

In Korea gibt es viele schön dekorierte Cafés mit besonderer Ausrichtung. In gut besuchten Gegenden wie Myeongdong oder Hongdae lassen sich auf einer Entfernung von 50 Metern über fünf Cafés finden. Das Schöne ist, dass jedes dieser Geschäfte seine eigene Ausrichtung und verschiedene Getränkekarten hat, aus denen Kunden bestellen können. Um auf einem Kaffeemarkt mit solch großer Konkurrenz zu überleben, ist es wahrscheinlich keine freie Entscheidung, sondern eine Notwendigkeit, sich mit dem eigenen Laden von den Hunderten anderer in der Nachbarschaft abzuheben.

Ein weiterer Pluspunkt koreanischer Cafés ist die Kundenorientierung. Viele Leute arbeiten in Cafés, mit offenem Laptop und einem Becher Kaffee in der Hand. Cafés sind mit Steckdosen unter fast jedem Tisch ausgestattet, um die Bedürfnisse solcher Kunden zu berücksichtigen. Ein gleichwertiges Angebot ist in Russland oder in den USA nur schwer zu finden. Ich selbst habe viele Stunden in Cafés verbracht, um mich mit Freunden zu unterhalten. In anderen Worten: Cafés spielen eine wichtige soziale Rolle.
 
Als ich in Russland lebte, habe ich praktisch keinen Kaffee getrunken, aber seitdem ich nach Korea umgezogen bin, ist mir diese Angewohnheit in Fleisch und Blut übergegangen. In meiner Zeit als Student habe ich auf meinem Weg zum Unterricht einen Becher Kaffee „to go“ gekauft. Als ich in einem Büro arbeitete, habe ich in meiner Mittagspause einen Becher Kaffee getrunken. Jetzt, als Selbständiger, beginne ich meinen Morgen mit einer Tasse des heißen Getränks. Laut einer kürzlich durchgeführten Studie soll der Konsum von zwei Tassen Kaffee am Tag sogar Alzheimer vorbeugen.

Und hier kommt ein weiterer Morgen, den ich mit einer Tasse aromatischen Kaffees beginne.

Ilya Belyakov ist eine koreanische TV-Persönlichkeit und regelmäßig in den koreanischen Medien präsent.

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