Online-Comics ziehen eine wachsende Zahl von Künstlern an

Fotos: Jeon Han

„Jeder hat sein eigenes Baduk-Spiel zu spielen.“

Baduk ist das koreanische Wort für das Go-Spiel, ein antikes asiatisches strategisches Brettspiel. Zunächst erscheint das Zitat wie die Geschichte über zwei Go-Spieler, die in einem Spiel gegeneinander antreten. Es ist tatsächlich eines der bestbekannten Zitate aus „Misaeng”, einem berühmten Online-Comic.

„Misaeng“ bedeutet wörtlich „unmögliches Leben“, ein Wort, das gewöhnlich beim Go-Spiel verwendet wird. Der Comic erzählt die Geschichte von einem Mann namens Jang Geu-rae, dem es nicht gelingt, professioneller Go-Spieler zu werden und der ein neues Leben als Büroangestellter beginnt. Viele Leser fühlten mit dem realistischen Porträt eines Menschen mit, der mit Schwierigkeiten kämpft und sich nur mühsam an seinen neuen Arbeitsplatz gewöhnt. Fans lobten auch die Handlung der Geschichte, in der das Leben eines Arbeitnehmers mit einem Go-Spiel verglichen wurde. 2014 wurde eine Fernsehserie basierend auf dem Originalwerk produziert und erzielte höhere Zuschauerzahlen als manche Liebes- oder Heldengeschichte. „Misaeng“ und seine Hauptperson, Geu-rae, haben sich inzwischen zu zwei wichtigen Schlüsselwörtern entwickelt, die viele Aspekte der modernen koreanischen Gesellschaft verkörpern.

Der Schöpfer von „Misaeng” heißt Yoon Tae-ho. Dank seiner früheren Arbeiten wie „Moss“, ein Thriller, und „The Insiders“, eine Geschichte über einen gesellschaftlichen Korruptionsfall, hatte er bereits viele Fans, bevor er mit „Misaeng“ begann. Alle diese Werke erlebten nun ihr Remake als Filme und erhielten glänzende Kritiken.

Korea.net traf sich mit Yoon, um mehr über sein Leben, seine Gedanken über die Welt der Comic-Kunst und über seine Anschauungen über Comicstreifen zu erfahren. Yoon erhielt kürzlich den ersten Preis beim Bucheon Comics Award für seine Graphic Novel „Operation Chromite“ (2014), ein historisches Werk, das von der koreanischen Unabhängigkeit im Jahr 1945 nach der japanischen Kolonialherrschaft bis zum Koreakrieg (1950-1953) reicht.

Warum wollten Sie Künstler werden?

Als ich klein war, habe ich die Arbeiten von Huh Young-man gelesen. Das hat mich dazu gebracht, Comiczeichner zu werden. Ich glaube allerdings, dass ich auch Comickünstler geworden wäre, wenn ich seine Bücher nicht gelesen hätte. Meine Familie hatte nicht genug Geld, um mich bei einem Studium an der Kunsthochschule zu unterstützen, aber ich liebte das Zeichnen und Graffiti. Deshalb denke ich, dass ich trotzdem Comiczeichner geworden wäre.

Die Frage mag banal klingen, aber können Sie uns vielleicht den Namen einer Ihrer Lieblings-Comiczeichner nennen, welche seiner Werke Sie besonders beeindruckt haben und warum?

Ich hatte als Kind nicht die Gelegenheit, viele Comics oder Graphic Novels zu lesen, da ich in einer entlegenen Region auf dem Lande aufwuchs. Es gab einige Ausgaben von Huh Young-man, so habe ich sie einige Jahre lang gelesen. Ich mochte seine Art des Zeichnens und Geschichtenerzählens.

In Ihren Comics scheinen Sie sich mit vielen Charakteren zu befassen, die sich in schwierigen Lebensumständen befinden, zum Beispiel ein Oberschüler, dem es nicht gelingt, die Karriere eines professionellen Spielers einzuschlagen, oder ein geschiedener Mann, der alles verloren hat, einschließlich seiner Familie. Warum interessieren Sie sich für solche Charaktere?

Aus technischer Sicht ist es für einen Comiczeichner interessanter, eine Geschichte mit Charakteren zu machen, die Schwächen haben. Persönlich weiß ich nicht viel über Leute, die ein einfaches Leben gehabt haben. Ich habe das niemals selbst erlebt. Ich habe eine bessere Vorstellung von Leuten, die Schwierigkeiten erfahren haben. Es war nicht meine Absicht, aber ich schreibe gewöhnlich mehr über Protagonisten, die mir vertrauter sind.

Das Thema Ihrer Arbeiten variiert - von „Misaeng“ über „Moss“ zu „Operation Chromite“ und „Pain-Bumpkin“ an denen Sie kürzlich gearbeitet haben. Woher nehmen Sie die Inspiration für solche Kreationen?

Bei „Moss” dachte ich, dass ich einen intensiven Thriller produzieren sollte, nachdem ich lange Zeit eine Schaffenskrise hatte und unter Geldproblemen litt. Im Fall von „Misaeng“ hat mein Herausgeber vorgeschlagen, dass ich eine Geschichte über einen Angestellten und das Go-Spiel mache.

Bei „Operation Chromite” dienten als Ausgangspunkt meine Bedenken über junge Leute, die eine Tendenz in Richtung Rechtsextremismus und Konservatismus zeigen. Wenn man in die Geschichtsbücher sieht, gab es direkt nach der koreanischen Unabhängigkeit rechtsextreme Jugendgruppen. Ich denke, dass sie ihrem Wunsch nach Überleben folgten, nicht irgendeiner Ideologie. Ähnliche Gruppen existieren heute im Internet, aber das ist kein Phänomen, das plötzlich entstanden ist. Sie haben schon immer existiert.

Nachdem ich intensiv über sie nachgedacht hatte, beschloss ich, eine Geschichte zu machen, die bei der koreanischen Unabhängigkeit beginnt. Es scheint, dass vergangene Regierungen nicht adäquat die Probleme gelöst haben, welche die Unabhängigkeit und die Zeit nach der Unabhängigkeit betreffen. Die allgemeine Öffentlichkeit wurde in diesem Prozess konsumiert und geopfert.

Wenn Sie einen genauen Blick auf unsere Geschichte werfen, wurde Korea nach einem Krieg, der in der Teilung endete, wohlhabender. Wir waren während all dieser Zeit jedoch nicht frei vom Trauma der Teilung. Ich denke, dass alle unsere Begrenzungen und begrenzten Freiheiten ihren Ursprung in der nationalen Teilung haben. Deshalb habe ich „Operation Chromite“ geschrieben.

Der Grund, warum ich „Pain-Bumpkin” gemacht habe, ist folgender: Wenn ich an die ältere Generation aus der Zeit meiner Eltern dachte, glaubte ich, dass selbst Diebe ihr Leben aus vollen Zügen genossen. Auch wenn sie von außen betrachtet schlechte Dinge tun, konnten sie beispielsweise zu Hause bei ihren Kindern gute Eltern sein. Ich nahm an, dass die koreanische Gesellschaft sich noch nicht vollständig von ihrer Ära der Industrialisierung erholt hatte. Eltern erhalten nicht genug Schlaf. Sie müssen Geld verdienen, um für die Erziehung ihrer Kinder zu zahlen, damit sie ein besseres Leben führen können. Ihre erwachsenen Kinder tun dasselbe für ihre Kinder. Letztendlich scheint es, als ob Geld das einzig Wichtige auf der Welt ist und dass das von einer Ära herrührt, die sich durch ihre wirtschaftliche Entwicklung definiert. Kunst und Schönheit sind nicht etwas, zu dem wir zurückgehen können und das wir genießen können, nachdem es uns bessergeht. Selbst wenn wir arm sind, müssen wir die Vorzüge der Kunst genießen. Um eine rechtschaffene Person zu sein, muss man auf der Grundlage eines ausgeglichenen Lebens aufwachsen, zwischen Überleben und Kultur. Die früheren Generationen unserer Väter haben allerdings ihr Leben damit zugebracht, ihr Land reicher und stärker zu machen, ohne die Chance darauf, ein Buch zu lesen oder einen Film zu sehen. Deshalb habe ich Leute porträtiert, die von Geld besessen sind.

Sehen Sie es so: Um 100 Bücher zu schreiben, müssen Sie nicht 10.000 neue Ideen haben. Solange Sie eine eindeutige Geisteshaltung haben, können Sie einfach über einen Ihrer Lebensabschnitte sprechen. Ich habe niemals jemanden in den kreativen Künsten getroffen, der von Ideen besessen ist.

Viele Angestellte sympathisieren mit dem Hauptprotagonist von „Misaeng”, Jang Geu-rae. Welche Botschaft wollten Sie durch diesen Comic übermitteln?

Ich habe nicht die Absicht, irgendeine Botschaft zu übermitteln, da ich niemals das Leben eines Büroangestellten kennengelernt habe. Ich bereute viel, nachdem ich der Veröffentlichung der Geschichte zugestimmt und den Vertrag unterzeichnet hatte. Büroangestellte sind besser ausgebildet als ich. Ich wusste nichts über ihre Welt. Ich konnte keine Büroangestellten oder Unternehmen interviewen. Als ich den Streifen produziert habe, dachte ich, dass es eine teuflische Erfahrung sei. Ich war darauf vorbereitet. Als ich aber einmal die Themen ausgewählt hatte, erkannte ich, dass die Leben von Angestellten nicht anders sind als die anderer Menschen. Sie verbringen den Großteil ihrer Zeit mit dem Arbeiten und gehen dann abends kurz nach Hause. Sie haben den Wunsch, einen guten Job zu machen und sind gewöhnlich überarbeitet. Es war wirklich nicht so anders. Ich dachte, dass das Leben überall gleich sei und schwer für jeden in seinen Dreißigern und Vierzigern. Ich wollte durch meine Geschichte nicht irgendeine Lektion erteilen. Einige Leute denken über ihr Leben nach, indem sie sich an anderen orientieren, auch wenn das nicht ihre Absicht ist. So könnte ich meine Leser dazu veranlassen, sich durch meinen Comic selbst zu entdecken.

Das vollständige Interview finden Sie hier.

Zurück