Weltweit erste Braille-Smartwatch im internationalen Fokus

Nach der Uhrzeit sehen, ein Mobiltelefon finden oder eine Textnachricht lesen.
Für viele Menschen stellen diese Dinge kein Problem dar, aber sie können problematisch für diejenigen sein, die eine Sehbeeinträchtigung haben.
Vielen Leuten macht es Spaß, sich mit Informations- und Kommunikationstechnologie zu befassen und über ihr Smartphone und das Internet weltweit Informationen auszutauschen. Für Leute mit eingeschränkter Sicht ist das allerdings nicht so einfach. Sie können oft nicht von den Vorzügen technologischer Entwicklungen profitieren.

Die Braille-Ausrüstung oder der sogenannte TTS (text-to-sound)-Dienst auf Smartphones ist in gewisser Weise hilfreich. Ein solches Equipment kostet aber mehr als 5 Millionen koreanische Won und wiegt um die 2 Kilo. TTS-Dienste für Smartphones stellen unvermeidlich einen Eingriff in die Privatsphäre dar. Ein weiteres Problem für Menschen mit Sehbehinderung ist der weltweite Mangel an Braille-Büchern.

Deshalb verfolgen Menschen mit Sehbehinderung nicht nur in Korea, sondern weltweit mit Interesse die Entwicklungen in einem koreanischen Startup-Unternehmen, das die weltweit erste Braille-Smartwatch hervorgebracht hat. 

Park In Beom, Angestellter des Startup-Unternehmens Dot, liest mit der neuen Braille Dot Watch des Unternehmens. Die Dot Watch ist die erste taktile Smartwatch für Braille.

Die Dot Watch ist das erste Produkt, das von dem Startup-Unternehmen Dot (http://www.dotincorp.com) entwickelt wurde. Auf den ersten Blick sieht die Dot Watch wie eine normale Uhr ohne Uhrzeiger aus. In der Tat sollen ihre grundlegenden Funktionen den Träger über Zeit und Datum informieren, und sie soll als Stoppuhr fungieren. Anders als andere Armbanduhren hat die Dot Watch allerdings einen Braille-Display. Durch ihre urheberrechtlich geschützte Übertragungstechnologie kann das Braille-Display den Trägern die Zeit mitteilen. Die Träger müssen das Display nur berühren, um Braille zu lesen.

Wenn die Dot Watch via Bluetooth mit dem Smartphone verbunden wird, kann sie sogar weitere Funktionen anbieten. Verbinden Sie die Dot Watch über die Dot Watch App entweder über ein iPhone oder ein Android-System mit einem Smartphone, dann können Sie über das Smartphone Informationen in Echtzeit erhalten, darunter Textnachrichten, Kakao Talk-Nachrichten und verschiedene Benachrichtigungen. Die Dot Watch informiert den Träger darüber, wer anruft. Darüber hinaus ermöglicht sie ihren Trägern das Lesen von e-Books. Die Dot Watch kann sogar als Fernbedienung verwendet werden. Sie hilft den Usern bei der Nutzung ihrer Smartphones, insbesondere, wenn sie ihr Telefon verlegt haben und trotz Anrufen oder Pagen der eigenen Nummer nicht finden können, was viele Sehbeeinträchtigte als schwierig empfinden könnten.

Dot hat bereits vor dem Export Aufträge aus 15 Ländern erhalten. Der bekannte US-Superstar Stevie Wonder und der italienische Tenor Andrea Bocelli haben beide eine Dot Watch bestellt. Dot hat einen Preis für sein Design sowie einen Preis in der Innovationskategorie des Cannes Lions Festival 2016 erhalten, was ein Novum für ein koreanisches Unternehmen ist. Die Firma hat auch verschiedene Auszeichnungen im In- und Ausland erhalten und wird für ihre innovative Technologie und Kreativität anerkannt.

Stevie Wonder (Mitte) beim Gruppenfoto mit Dot-Mitbegründer Kim Ju Yoon (Zweiter von links) und anderen Dot-Angestellten

Choi Ah Rum, PR-Marketingmanagerin bei Dot, sagte: „Die Dot Watch ist das erste Produkt, das von Dot hergestellt wurde, und alles beginnt an diesem Punkt.“ Choi ist eines der Gründungsmitglieder des Unternehmens, das zusammen mit Dots Mitbegründer Kim Ju Yoon an allen Stadien der Entwicklung der Dot Watch mitarbeitete.

Park Im Beom arbeitet ebenfalls für das Unternehmen. Er sagt: „Die Dot Watch ermöglicht es uns, viele Dinge zu genießen und Aktivitäten durchzuführen, die wir früher als schwierig empfanden.“ Park hat eine Sehbehinderung und begann als Produkttester für Dot zu arbeiten.

Korea.net hat ein Interview mit Choi und Park geführt und mehr über die Dot Watch und Dots zukünftigen Pläne erfahren. 

Choi Ah Rum, PR-Marketingmanagerin bei Dot, mit Braille-Equipment, das von Menschen mit Sehbeeinträchtigung verwendet wird. Dot hat eine Mini-Braille-Zelle entwickelt, die ein Zwanzigstel der Originalgröße hat.

Es scheint, dass Dot viele Aufs und Abs erlebt hat, seitdem es sein erstes Produkt entwickelt und die Geschäfte aufgenommen hat. Wie hat das Unternehmen diese Herausforderungen bewältigt?

Im September 2014 hat Mitbegründer Kim Ju Yoon eine große Braille-Bibel und das schwere Braille-Equipment seines Mitstudenten gesehen, als er an der University of Washington studierte. Die Bibel und die Ausrüstung haben dazu geführt, dass er ein neues Unternehmen gegründet und die Dot Watch entwickelt hat. Was die Marktaussichten anging, war alles sehr unsicher für uns. Auch der Entwicklungsprozess war nicht einfach. Da wir viele Versuche und Irrtümer durchlaufen haben, dachten wir zunächst, dass dies kein geeignetesGebiet für Startups sei. Wir hatten jedoch großes Glück. Der globale Trend, Startups aufzubauen, hat uns geholfen. Dank eines gemeinsamen Konsenses, dass unsere Produkte für alle Leute geeignet sind, die irgendeine Art von Sehbeeinträchtigung haben, gelang es uns, Investitionen anzuziehen. Wir erkannten auch, dass viele Menschen mit Sehbehinderung große Hoffnungen in uns setzten. Wir hatten das Gefühl, diese Leute im Stich zu lassen, wenn wir nicht die Dot Watch entwickeln.

Gab es irgendwelche besonderen Augenblicke während der Entwicklung der Dot Watch, die Ihnen in Erinnerung geblieben sind?

Ja. Es gab einen solchen Moment, als unsere Tester es schwierig fanden, das Braille-Display zu fühlen, auch wenn wir ganz klar sehen konnten, wie es sich bewegte. Eines Tages besuchte ein Mann in seinen Siebzigern unser Büro, um zu fragen, ob er die Dot Watch für seinen Enkel kaufen könne. Er ist den ganzen Weg von Cheongju bis zu unserem Büro gereist. Das hat uns deutlich gemacht, dass in die Dot Watch große Hoffnungen gesetzt werden.

Wir hatten sicher auch viele Momente, in denen es schwierig war. Wir haben viele Sehbehindertencommunitys kontaktiert, als wir unsere Kundenforschung und Produkttests durchführten. Nun sind uns viele dankbar.

Die Dot Watch hat Vorbestellungen aus 15 Ländern erhalten, selbst bevor mit den Exporten begonnen wurde. Wie laufen die Exporte nun?

Wir haben in der Tat im letzten Jahr Aufträge aus 15 Ländern erhalten, darunter auch aus Großbritannien. Wir ergreifen die notwendigen Schritte für den Export in die einzelnen Länder. Im Fall von Großbritannien, das erste Land, das seine Absicht geäußert hat, eine unserer Uhren zu kaufen, haben wir einige Modelle geschickt und warten auf die Resonanz.

 

Die Braille-Zelle, die in existierendem Braille-Zubehör (oben) verwendet wird, ist viel größer als Dots neue Mini-Braille-Zelle (unten). Diese neue, kleinere Braille-Zelle wird in alle Produkte eingesetzt, die von Dot entwickelt werden.

Smartphones wie iPhones und Android-Handys besitzen Funktionen für Menschen mit Sehbeeinträchtigungen. Sie verfügen auch über etwas Braille-Ausrüstung. Welche Funktionen kann Dot Watch als Kerntechnologie anbieten?

Wenn Sie die Einstellungen ändern, können Smartphones Informationen in Klang umwandeln. Auf diese Weise müssen die Nutzer allerdings ihre Privatsphäre aufgeben. Sie können nicht in aller Stille die Uhrzeit prüfen oder Textnachrichten lesen. Wenn sie Kopfhörer verwenden, wird dies ihre Hörfähigkeit beeinträchtigen, was für weitere Unannehmlichkeiten sorgt. Auch ist das existierende Braille-Equipment sehr teuer und wiegt viel, aber es wurde über einen Zeitraum von 20 Jahren ohne große Veränderungen angewendet. Wir hier bei Dot haben eine Minizelle entwickelt, indem wir die Zelle minimiert haben, die für Braille-Equipment verwendet wird, und wir haben den Preis gesenkt, soweit es ging. Diese kleine Zelle, die als Aktuator bezeichnet wird, ist die Kerntechnologie von Dot. Sie erzeugt die Braille-Buchstaben mittels eines Magneten. Diese Zelle kommt in jedem Produkt zum Einsatz, das Dot herstellt, einschließlich der Dot Watch, des Dot Mini und unserem geplanten Tablet-PC.

Das Braille-System mit sechs kleinen Erhebungen wird weltweit verwendet. In Korea nutzen die Menschen ein auf dem Hangeul basierendes Braille-System, das als Hunmaeng Jeongeum ( 훈맹정음) bezeichnet wird. Kann die Dot Watch verschiedene Braille-Systeme zur Verfügung stellen, je nach Sprache oder Region?

Die Dot Watch unterstützt gegenwärtig Koreanisch und Englisch. Von ihrer Technik her kann sie alle Arten von offiziellen Braille-Systemen zur Verfügung stellen. Es kann drei bis sechs Monate dauern, bis alles fertiggestellt ist. Wir werden dafür sorgen, dass eine Dot Watch dazu in der Lage ist.  

Der italienische Tenor Andrea Bocelli ist ebenfalls Dot Watch-Kunde. Bocelli trug die Uhr sogar in einer Anzeige für ein deutsches Telekommunikationsunternehmen.

Die Dot Watch hat weltweit viel Anerkennung erhalten. Sogar berühmte Persönlichkeiten wie Stevie Wonder und Andrea Bocelli haben eine bestellt. Gab es vorher ähnliche Produkte?

Nein, dies ist kein Bereich mit einer guten Marktvision. Es ist mehr oder weniger das selbe in jedem Land. Auf diese Weise haben wir in den letzten 20 Jahren überhaupt keine Änderungen erlebt. Die Menschen mit Sehbeeinträchtigung haben sich bislang ausschließlich auf teures Braille-Equipment verlassen.

Wir haben Stevie Wonder bei der CSUN-Konferent im März letzten Jahres getroffen. Er war so aufgeregt, unseren Stand zu entdecken, und zeigte großes Interesse an unseren Produkten. Bei der Expo in Mailand im Oktober 2015 haben wir Andrea Bocelli getroffen. Bocelli hat sogar in der Anzeige für ein deutsches Telekommunikationsunternehmen eine Dot Watch getragen. (Klicken Sie auf https://www.youtube.com/watch?v=8R_awDjIiQI, um die Anzeige zu sehen.)

Dot hat ein Sonderprojekt in Kenia durchgeführt. Erzählen Sie uns mehr darüber!

Rund 300 Millionen Menschen weltweit haben eine Sehbehinderung, und rund 80 Prozent von ihnen leben in Asien und Afrika. Wir haben Kenia gewählt, das Land mit der größten Englisch sprechenden Gemeinschaft in Afrika. Generell sind die Menschen Afrikas schlechter gestellt, wenn es um Bildung und medizinische Betreuung geht. Menschen mit Sehbeeinträchtigungen sind oft von anderen isoliert und mehr Schwierigkeiten ausgesetzt.Wenn die Menschen mit Sehbeeinträchtigung die Möglichkeit haben, Braille zu lernen und eine Ausbildung zu machen, wird dies ihre Gesamtsituation deutlich verbessern.

Dot hat mit der Korean International Cooperation Agency (KOICA, Koreanische Agentur für internationale Zusammenarbeit) als einem der vielversprechenden Startup-Partner des Programms „kreative Technologielösungen“ (CTS) der Organisation zusammengearbeitet. Seit 2015 führen wir das Dot Mini Projekt an Schulen für Menschen mit Sehbehinderung in Nairobi, Kenia, durch. Das Projekt soll Schüler unterstützen, indem 8000 Sets von Dot Minis zur Verfügung gestellt werden, welche die Schüler beim Lernen helfen sollen. Anders als die Dot Watch benötigt das Dot Mini kein Bluetooth und muss auch nicht an ein Smartphone angeschlossen werden. Wenn der User eine SD Card einführt, die den Inhalt eines Schulbuchs enthält, überträgt das Dot Mini die Informationen von der SD Card auf das Braille-Display und zu einem Lautsprecher, damit die Schüler lernen können.

Kenia habe ich bislang fünf Mal besucht. Ich habe eine kenianische Schülerin getroffen, die ein etwas ungewöhnliches Verhalten an den Tag legte, da sie einen Dot Mini viel zu nah an ihr Gesicht hielt. Ich habe später erfahren, dass sie das tat, um die Informationen auf dem Braille-Display mit ihren Lippen lesen zu können, da ihre beiden Hände taub waren. Als sie den Text des Liedes „Amazing Grace“ las, in dem es heißt „I was blind, but now I see“, war ich tief bewegt. Das hat bei mir das Gefühl erzeugt, dass ich für eine großartige Sache arbeite. 

Die Angestellten in einer kenianischen Schule für Sehbehinderte hören sich Chois Erklärung über das Mini Dot an. Dot kooperiert seit 2015 mit KOICAS CTS-Programm.

Wir würden gern wissen, welche anderen Produkte neben der Dot Watch bei Ihnen in Planung sind. Haben Sie weitere Ziele außer der Verbesserung der Lebensqualität von Menschen mit Sehbeeinträchtigung? Erzählen Sie uns von Dots zukünftigen Plänen.

Die Dot Watch ist unsere so genannte „Uhr Nr. 1“, und wir werden eine Reihe von ähnlichen Uhrenwie die Uhr Nr. 2 und 3 produzieren. Uhr Nr. 1 ist Dots erstes Produkt und verfügt über Grundfunktionen wie das Lesen von Informationen und die Umwandlung in Braille. Wir haben viele Ideen, die sich noch im Entwicklungsstadium befinden, und haben darüber nachgedacht, verschiedene Funktionen auf unsere Geräte zu laden, darunter Informationen zum Gesundheitswesen, NFC (Near Field Communicatons) oder Antwortfunktionen. Wegen des Preises mussten wir allerdings alles vereinfachen. Wir fanden es schwer, einen erschwinglichen Preis beizubehalten. Wir werden in naher Zukunft weiterentwickelte Versionen der Uhr herausbringen.

Wir interessieren uns alle für Braille in öffentlichen Räumen sowie für öffentliches Braille. Mit „öffentliches Braille“ meinen wir ein neues Konzept des Aufbaus einer Infrastruktur, bei der ein Braille-Modul angebracht wird, um Echtzeitinformation in öffentlichen Einrichtungen wiederzugeben, wie beispielsweise in U-Bahnen oder Bussen. Damit soll das „tote Braille“, das gegenwärtig im öffentlichen Raum existiert, durch ein Echtzeit-Display ersetzt werden. Ein Beispiel kann die Installation eines Sensors an Stufen und Türen von U-Bahnen sein, um Standortinformationen an eine Dot Watch zu schicken. Dot Watch-Träger können dann problemlos öffentliche Einrichtungen nutzen. Wir denken darüber nach, Projekte für öffentliches Braille im Ausland durchzuführen, so wie im U-Bahnsystem von Riyadh, Saudi-Arabien.   

 

 

Von Yoon Sojung
Fotos: Jeon Han, Fotograf Korea.net, Dot

 

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