Magazin Kultur Korea

Das Daegu Symphony Orchestra

Das Daegu Symphony Orchestra – die moderne Kulturdelegation Koreas

 

Von Matthias R. Entreß

In früheren Jahrhunderten bereisten riesige Kulturdelegationen koreanischer Musiker Japan und andere asiatische Länder, um vom friedlichen Wesen des koreanischen Volkes zu künden und Vertrauen zu schaffen. Dieses fröhliche Sendungsbewusstsein lebt weiter, nur das Mittel der Botschaft hat gewechselt, denn heute sind es nicht die martialische Daechwita, die alte Militärmusik oder die sanfteren Prozessionsmusiken, die Korea repräsentieren sollen, sondern – die westliche Klassik. Am 26. September gastierte anlässlich des anstehenden koreanischen „Gründungstags der Nation“ (3. Oktober) in der Berliner Philharmonie das Sinfonieorchester von Daegu, der drittgrößten Stadt der Republik Korea, und auf dem Programm standen zwei „große Brocken“, nämlich das berühmte 1. Konzert für Klavier und Orchester in b-Moll von Peter Iljitsch Tschaikowsky und dessen nicht weniger stürmische und mitreißende 4. Sinfonie in f-Moll.

Das sind immerhin Werke, die bei uns genauso beliebt sind wie in Korea, und man begibt sich mit so oft gespielten Werken in eine Konkurrenz-Situation, die durchaus heikel sein kann. Eine mittelmäßige Interpretation abzuliefern, die bloß gefällig ist, wäre fatal. Aber schon das Klavierkonzert mit einem der berühmtesten Anfangsmotive der musikalischen Romantik signalisierte: „Wir machen es anders! Und zwar nicht leicht.“ Denn die Wucht dieses Beginns und die schweren steinernen Akkorde setzten einen Widerstand in den Raum, der erst einmal überwunden werden musste. Nicht die nonchalante Eleganz russischer Salons, sondern einen tragischen Weltschmerz rief das hervor! Aber aus dem Erschlagensein erwachte die Musik schnell und fand zu sagenhaften Kontrasten, Nachdenklichkeiten und romantischen Anwandlungen, wobei die Solistin am Klavier, Haesun Paik, die ganze Bandbreite von haarsträubender Virtuosität bis hin zur Stille sich versenkenden Empfindungen beherrschte. Die Herausforderungen der Partitur für das Orchester sind nicht geringer! Es muss brüllen und dann, in vielverzweigten Klangspielen dem Klavier aufmerksam antworten, es einbetten und es, bildlich gesprochen, auf Fingerspitzen balancieren. Die Strategie von Julian Kovatchev, dem aus Sofia/Bulgarien gebürtigen Chefdirigenten des Orchesters, sinfonische Größe, virtuose Brillanz und intime Sensibilität in ein spannendes Wechselspiel zu lenken, ging dabei auf und entfaltete einen musikalischen Roman, der vom ersten bis zum letzten Takt fesselte.

Es ist immer wieder verwunderlich und staunenswert, in welchem Maße asiatische Musiker mit der Musik einer fremden Tradition weltweit Anerkennung gewinnen. Die Pianistin Haesun Paik lebt derzeit in New York und verfügt über reiche internationale Erfahrung. Die westliche Musik, die Welt der Klassik und Romantik von Bach bis Mahler und darüber hinaus, schert sich nicht um Nationalität. Frau Paiks zahlreiche Stationen umfassen ganz Europa, beide Amerikas und natürlich Asien. Das Ziel vieler koreanischer, im Ausland ausgebildeter Musiker, Professor an einer großen koreanischen Universität zu werden, hatte sie früh erreicht als Professorin an der Seoul National University, hat aber den Posten zugunsten ihrer Solistenkarriere bereits 2005 wieder aufgegeben.

Und dann kommt sie nach dem lauten Beifall zurück auf die Bühne und spielt ein kleines Stück als Zugabe, das den virtuosen Übermut mit schlichtester Lyrik vereint: Liszts Bearbeitung des zu Herzen gehenden Schubertliedes „Du bist die Ruh“, das so bekannt ist, dass einige Hörer im Publikum die Melodie mitsummten.

Die kompositorischen Beiträge aber, die Korea an der Erweiterung des Orchester-Repertoires leistet, sind rar und selten überzeugend. Natürlich, in der Zeit, wo in Europa die Klassik und die Romantik blühte, waren Geigen und Klaviere in Korea so gut wie unbekannt. So bleibt das koreanische Komponieren auf die Moderne beschränkt. Nur den bedeutendsten koreanischen Komponisten – es gab und gibt durchaus einige! – gelingt es, im Bereich der Avantgarde einen persönlichen Standpunkt zu entwickeln und nicht nur berühmten Vorbildern nachzueifern. Allzu viele bedienen sich leicht erkennbarer koreanischer Exotismen, was mitunter recht peinlich wirkt. Seltener geschieht es, dass aus der gespaltenen kulturellen Erfahrung eine individuelle Stimme hervortritt. Der aus Daegu stammende Komponist Jin Youngmin, mit dessen kurzem Orchesterstück „Emergence“ das Konzert begann, steht da noch am Anfang. Er hat am Bruckner-Konservatorium in Linz, Österreich, studiert und ist jetzt Professor an der Kyungpook National University in Daegu. Sein Stück, das zwar reich an großartigen Orchesterklängen ist, erweist sich als wirres Konglomerat von musikalischen Floskeln und Klangzitaten aus Spätromantik und früher Moderne – von Bruckner bis Strawinsky. Seine theoretisch hochtrabenden Programmheft-Erläuterungen zum Stück schaffen es nicht, die Aufmerksamkeit auf ein übergeordnetes Prinzip zu lenken. Wäre es als Karikatur der Sucht nach schönen Stellen, dramatischen Schlusswendungen und misterioso-Einschüben gemeint gewesen, hätte es als Kritik am musikalischen Eurozentrismus in Korea und anderswo verstanden und begrüßt werden können… So wirkte das Stück wie die kurze Zusammenfassung einer musikalischen Epoche des Aufbruchs, was „Emergence“ im weiteren Sinne ja bedeutet. Trotz des zwiespältigen Eindrucks war die Wahl gut getroffen, denn es reflektiert den tatsächlich stattfindenden kulturellen Aufbruch, in welchem Korea sich seit dem Ende seiner großen Kriege befindet. 

Das Daegu Symphony Orchestra
Foto: Matthias R. Entreß

Ich sprach mit der Managerin des 1964 gegründeten Orchesters, Frau Seong Ji-hae, und sie erklärte mir: „Es ist ein sehr zwiespältiges Gefühl, wenn wir westliche Musik als Teil unserer Kultur präsentieren und dann zum Ursprung der klassischen Musik reisen, d.h. nach Berlin in Deutschland, und sie dort spielen. Wir sind stolz darauf, stolz, weil wir diese Kultur als unsere eigene neu erfunden haben, und dass wir sie nicht als Nachahmung präsentieren. Sondern wir rekultivieren sie, wir haben unsere ganze Seele da hineingegeben und verwandeln sie zu einem Teil unserer Kultur.“ Dass die beiden Hauptwerke des Abends beide von Tschaikowsky stammen, sei die Entscheidung des Chefdirigenten Julian Kovatchev gewesen. „Wir spielen auch Beethoven und Mozart und modernere Musik, aber ein Grund mag gewesen sein, dass der Maestro diese Stücke auswählte, weil Russland das Bindeglied zwischen Ost und West ist.“ Zu den Vorlieben des Publikums zu Hause in Daegu: „Ein Teil unserer Aufgabe besteht darin, westliche Musik einem asiatischen Publikum nahezubringen. Und wir bringen nun unsere Interpretation zurück in den Westen!“ Und wie steht es mit der Moderne, Bartok, Schönberg…? „Wir beginnen gerade, weiter in die Moderne vorzustoßen.“

Für den Dirigenten Julian Kovatchev war das Gastspiel eine Rückkehr zu seinen Wurzeln, denn nach seinem Studium in Salzburg wurde er Stipendiat der Herbert-von-Karajan-Stiftung, saß als Geiger im Berliner Philharmonischen Orchester und ließ sich als Dirigent vom Maestro Karajan persönlich unterweisen. Er ist weltweit als Opern- und Konzertdirigent unterwegs und seit 2014 mit Riesenerfolg beim Publikum Chefdirigent in Daegu.

Bei der das Konzert abschließenden Aufführung der 4. Sinfonie Tschaikowskys setzte er seine Daegu-Sinfoniker als virtuoses Orchester ins beste Licht. Virtuosität ist heute verschrien als leere technische Brillanz, ihr innerster Kern aber ist ein anderer, nämlich Bewältigung durch Bewusstheit, kurz durch bemerkenswerte Tugenden. Wie es ihm gelingt, Gewicht und hohe Schwierigkeitsgrade so zu inszenieren, dass sie sich dem Hörer mitteilen und dann eben auch die Leichtigkeit als erlösend und belebend erfahrbar zu machen, das Tragische schmerzhaft, das Fröhliche kindhaft, machte die Aufführung zu jener großen musikalischen Erzählung, die Tschaikowsky bekenntnishaft komponiert hatte. Die „Vierte“ ist voller Geschenke fürs Orchester, seine einzelnen Sektionen und die Solostimmen, wahrhaft dankbar und effektvoll. Wie sich nach dem majestätischen Aufbrausen des Blechs ein einzelnes Fagott herausschält, die Oboe antwortet und die Geigen in himmlischem Unisono selbstvergessen wie an einem Frühlingstag im Margaritenfeld hüpfen, um dann wieder eingetrübt und problematisch verändert zu werden – alles erhält die absolute Zuwendung und Förderung des Dirigenten. Wer immer Tschaikowskys Vierte – im Vergleich zur Fünften und Sechsten – als seicht angesehen hatte, hier wird er eines Besseren belehrt. Sinfonik in ihrer ganzen schillernden Vielfalt! Kommen Sie nach Daegu, besuchen Sie den neuen Konzertsaal und dieses wunderbare Orchester!


Matthias R. Entreß
Foto: Gabriele Förster

Matthias R. Entreß, geb.1957 in Hamburg, lebt und arbeitet in Berlin als freier Autor, Musikjournalist und -kurator. Er studierte Theaterwissenschaft, Germanistik und Kunstgeschichte an der FU Berlin, kuratierte 2004 in Berlin und 2007 in Italien Festivals mit koreanischer Musik sowie Konzerttourneen mit Pansori (2009/2013/2015) und Volksmusik (2011). 2005 initiierte er die ersten deutschen Übersetzungen von Pansori, an denen er auch mitarbeitete. Musikjournalistische Schwerpunkte sind Neue Musik und Außereuropäische Musik für DLR, BR, DLF.  

 

 

 

 

 

 

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