Magazin Kultur Korea

DOKOREA 2016

Eindringliche Bildwelten in neuen Dokumentarfilmen

S.E. Lee Kyung-soo, Botschafter der Republik Korea, eröffnet am 16.09.2016 mit DOKOREA das erste
koreanische Dokumentarfilmfestival in Berlin.

 

Von Jörg Krömer

Für die fast 4000 in Berlin lebenden Koreaner/innen bzw. Deutschen mit koreanischem Migrationshintergrund gibt es ein neues Filmfestival. Vom 16. bis zum 19. September 2016 fand „DOKOREA“ statt, welches schon im Titel andeutet, dass hier nur Dokumentarfilme zu sehen sind. Doch was heißt hier „nur“? Diese Dokumentarfilme geben auf ihre ganz eigene Weise einen Einblick in ein Land, dessen Kultur eine erstaunliche Vielfalt aufweist.

Ich möchte beispielhaft drei Filme aus dem Programm näher vorstellen, welche die Themenvielfalt, aber auch die unterschiedlichen Ansätze der Filmemacher aufzeigen:

 

My Love, Don’t Cross That River

(Regie: Jin Moyoung, Republik Korea 2014, 86 Minuten, OmeU)

"My Love, Dont't Cross That River" (© CATNDOCS)

Zu Recht wurde dieser Film mit mehreren Filmpreisen ausgezeichnet, dessen Regisseur Jin Moyoung auch in Berlin zu Gast war und für ein Publikumsgespräch zur Verfügung stand. Porträtiert wird ein altes Ehepaar, welches in einer Bergregion nahe der Grenze zu Nordkorea lebt. Die fünfzehn Monate dauernden Dreharbeiten begann der Regisseur noch mit seinem kompletten Team, welches er aber später bis auf sich selbst reduzierte, sodass er mit den beiden in ihrem Haus ganz allein war. Wir erfahren während des Films, dass Byeong-man Jo 98 Jahre alt ist und seine Frau Kang Gye-Yeol 89 Jahre. Diese lange Ehe (bei der Eheschließung war Kang Gye-Yeol erst 14 Jahre alt) böte sicherlich Stoff für mehrere Filme, denn die beiden haben natürlich auch die Teilung Koreas nach dem Zweiten Weltkrieg und den Koreakrieg (1950-53) miterlebt. Auch die traurige Wahrheit, dass von zwölf Kindern nur sechs überlebt haben, wird uns mitgeteilt. Doch das eigentliche Thema des Films ist die lebenslange Liebesgeschichte zwischen dem alten Pärchen. Die beiden leben zwar ganz allein, haben aber zwei Hunde und erhalten regelmäßig Besuch von ihrer Familie. Für westliche Zuschauer mag das Haus einfach wirken, der Filmemacher erklärte jedoch die traditionelle Lebensweise: Geschlafen wird auf dem beheizten Fußboden, der natürlich nicht mit Schuhen betreten wird. Fließendes Wasser und Elektrizität sind ebenfalls vorhanden, und so sehen wir, wie die Frau ihrem Mann das Essen zubereitet. Selbst wenn es ihm einmal nicht schmeckt, isst er trotzdem etwas davon, nur weniger. Das ist nicht nur Ausdruck seiner tief empfundenen Liebe zu ihr, sondern zeugt auch von der Etikette der koreanischen Kultur. Von einem Koreaner wird man nie ein ablehnendes „Nein“ zu hören bekommen.

Der Regisseur Jin Moyoung (Mitte) im Gespräch mit Dr. Stefanie Grote (re.) über seinen Film "My Love, Dont't
Cross That River". An seiner Seite übersetzt die Dolmetscherin Christina Youn-Arnoldi (li.).

Mit viel Sensibilität gelingt dem Regisseur ein anrührendes Porträt des alten Paares, welches die universellen Werte der Liebe ganz unaufdringlich in kleinen Gesten und Neckereien abbildet. Eine wunderschöne Liebeserklärung an die Liebe, die kein Alter kennt.

 

Reach For The SKY

(Regie: Choi Woo-young, Steven Dhoedt, Republik Korea/ Belgien 2015, 90 Minuten, OmeU)

Der Regisseur von "My Love, Don’t Cross That River", Jin Moyoung, sagte im Publikumsgespräch auch, dass Südkorea das Land mit der höchsten Selbstmordrate der Welt sei. Einer der Gründe hierfür ist der hohe Leistungsdruck, dem Schüler und Studenten durch das wettbewerbsorientierte Bildungssystem ausgesetzt sind. Die südkoreanisch-belgische Koproduktion "Reach For The SKY" der Regisseure Choi Woo-young und Steven Dhoedt zeigt, wie bereits ab der Grundschule bis zum Ende der Oberschule alle Anstrengungen auf den Tag der Universitätsaufnahmeprüfungen hinauslaufen. Jedes Jahr am 2. November findet in ganz Südkorea der sogenannte Suneung-Test statt. Mehr als eine halbe Million Schüler nehmen daran teil. Das Testergebnis entscheidet, zu welcher Universität man zugelassen wird, und damit über Ansehen und Status der Schüler und ihrer Familien. Nur ein Prozent der Schüler wird in eine der drei so genannten SKY-Universitäten (ein Akronym aus den Anfangsbuchstaben von Seoul National University, Korea University und Yonsei Unversity) aufgenommen, auf die alle, die hohes Ansehen anstreben, unbedingt gehen wollen. Diejenigen, die durchgefallen sind, können den Test im darauffolgenden Jahr wiederholen. Dies hat eine riesige, millionenschwere Industrie geschaffen. Der Film beleuchtet alle Aspekte dieses Systems und begleitet einige Akteure dieses Tages.

Eine Szene aus dem Film „Reach For The SKY"

Da gibt es Hyunha, die eine fleißige, gute Schülerin ist, aber trotzdem wiederholt, um eine höhere Punktzahl für den Zugang zur Prestigeuniversität zu erzielen. Hyein war bis zur Mittelstufe eine gute Schülerin, hat dann aber die Lust am Lernen verloren und will es nun doch noch schaffen. Und da ist Minjun, der auf ein Internat für Wiederholer geht, um den Test irgendwie zu bestehen. Das Internat ähnelt eher einer Militärkaserne als einer Lehranstalt. Lernen die Schüler in Südkorea gewöhnlich ohnehin schon von früh morgens bis 23 Uhr in der Nacht, so verlängern sie ihre Lernzeit vor der Prüfung noch weiter. Da bleibt kaum Zeit für irgendetwas anderes, geschweige denn Zeit für Freunde oder Familie.

Gezeigt wird auch der Star-„Nachhilfelehrer“ von Megastudy, eine der Firmen, die vom Schulsystem leben. Der beschwert sich, dass nur 80 Schüler in einen Raum passen, und ist ohnehin eher ein Motivations-anpeitscher, der wie ein Popstar behandelt wird, und nach der Schulung sein Buch signiert. Die Regierung will den Trend stoppen, der zu einer Vereinfachung des Tests führen soll, da sonst zu viele Schüler für die Eliteuniversitäten in Frage kämen und das Zulassungssystem aufgeweicht würde.

Am Tag der Universitätsaufnahmeprüfungen gleichen die Städte Hochsicherheitszonen, in denen zu bestimmten Zeiten selbst Flugzeuge nicht landen oder starten dürfen, um die Ruhe nicht zu stören. Polizisten bringen Schüler rechtzeitig zum Testgebäude, und Eltern gehen zum Beten in die Kirche oder in den buddhistischen Tempel. Selbst nach erfolgreichem Aufnahmetest, egal ob beim ersten oder wiederholten Mal bestanden, müssen die Schüler sich trotzdem noch möglichst schnell bei ihrer Wunschuniversität bewerben.

Ein hochinteressanter Film, der facettenreich das Thema beleuchtet und anhand der gezeigten Personen auch mögliche Konsequenzen aufzeigt.

 

MANSHIN: Ten Thousand Spirits

(Regie: Park Chan-kyong, Republik Korea 2013, 104 Minuten, OmeU)

Mit 17 Jahren wurde Kim Keum-hwa zur Schamanin geweiht, nachdem sie schon als Kind von Geistern heimgesucht wurde. Die 1931 geborene Kim musste zwar auch Repressionen erdulden, doch heute, im modernen Korea, hat sie ihren Platz und die ihr zustehende Anerkennung gefunden. Es fällt den Koreanern, die sie um Rat bitten, leicht, an sie zu glauben und gleichzeitig der westlichen Konsumgesellschaft anzugehören. Und auch Kim selbst zeigt durch zahlreiche Auftritte im Fernsehen, dass sie keinerlei Berührungsängste hat und auch keine Kommerzialisierung fürchtet. In zahlreichen Spielszenen wird noch einmal ihr Weg gezeigt, der zwar nicht immer leicht, doch der einzig mögliche war, den sie beschreiten konnte. Vom Schamanismus gibt es keinen Rücktritt.

Die deutsche Schamanin Andrea Kalff-Cordero (li.) im Gespräch über den Film "Manshin"

Zu Gast im Kino Babylon war eine ihrer ehemaligen Schülerinnen, die deutsche Schamanin Andrea Kalff-Cordero, welche auch im Film zu sehen ist. Sie konnte aus eigener Erfahrung schildern, was es bedeutet, mit der Geisterwelt in Kontakt zu stehen. Durch Kims Anleitung und durch die Initiation zur Schamanin wurde Kalff-Corderos Leben praktisch auf den Kopf gestellt, aber sie geht nun den für sie bestimmten Weg. Selbst für den außen-stehenden kritischen Betrachter strahlen die Riten der Schamanen eine gewisse Faszination aus, und wer sich völlig darauf einlässt, wird ganz neue Erfahrungen machen. Der Regisseur Park Chan-kyong bietet auch keine Erklärungen an und überlässt dem Zuschauer die Interpretation. Zum Schluss überwindet die Inszenierung sogar die Grenze zwischen dem Dargestellten und den Filmemachern, und die Kamera entschwebt in den unendlichen Himmel.

Das Kino Babylon in Berlin-Mitte erwies sich als ideale Spiel- und Begegnungsstätte für das Festival, denn natürlich führten die gezeigten Filme auch zu angeregten Diskussionen zwischen den Gästen. Und die Koreaner waren sogar in der Minderheit. Die zumeist höchst interessierten deutschen Zuschauer folgten aufmerksam dem Geschehen und beteiligten sich rege an den Publikumsgesprächen. Gern hätte man dem Festival sogar noch mehr Zuschauer gewünscht, denn nur dann kommt eine richtige Festivalatmosphäre auf. Aber bereits jetzt zeichnete sich ab, dass wohl viele der Anwesenden bei einer Neuauflage wieder dabei sein werden und – sie werden dank Mund-zu-Mund-Propaganda weitere Zuschauer mitbringen.

 

Das nächtlich erleuchtete Kino Babylon (Alle Fotos - mit Ausnahme "My Love, Don't Cross That River":
Koreanisches Kulturzentrum)

Foto: privat

Jörg Krömer lebt in Berlin und schreibt seit über 25 Jahren Rezensionen über Filme, Soundtracks, Bücher und Neue Medien, hauptsächlich für die ANDROMEDA NACHRICHTEN. Besonders interessiert ist er an sozialen, kulturellen und technischen Entwicklungen. 

 

 

 

 

 

 

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