Magazin Kultur Korea

Rebellion einer Hausfrau

Sie träumt davon, eine Pflanze zu werden

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
978-3-351-03653-9
18,95 €

 

 

Von Maximilian Kalkhof

Als Yong-Hye zur Vegetarierin wird, zerbricht erst ihre Ehe, dann die Familie. In ihrem preisgekrönten Roman "Die Vegetarierin" erzählt Han Kang die groteske Rebellion einer koreanischen Hausfrau.

 

Es muss ein Biedermann sein, wer seine Ehefrau so beschreibt: "Bevor meine Frau zur Vegetarierin wurde, hielt ich sie in jeder Hinsicht für völlig unscheinbar." Nicht einmal attraktiv habe er sie bei der ersten Begegnung gefunden, sagt der Mann. "So fühlte ich mich weder von ihr angezogen noch abgestoßen und sah daher keinen Grund, sie nicht zu heiraten."

Yong-Hye und ihr Mann leben in Seoul, sie sind seit fast fünf Jahren verheiratet und führen eine leidenschaftslose Ehe. Die Frau ist fügsam, sie ist eine Ehefrau ohne Eigenschaften, sie kocht und kümmert sich um den Haushalt. Und sie stellt keinerlei Ansprüche an ihren Mann. Für den ist das kein Makel. Im Gegenteil, er, ein koreanischer Kleinbürger, hat Minderwertigkeitskomplexe und ist antriebslos. Sein einziger Ehrgeiz ist es gewesen, die durchschnittlichste Frau der Welt zu heiraten, die ihm ein Frühstück serviert und keine Szene macht, wenn er mal spät aus dem Büro kommt. Nun leben die beiden in einem Gleichgewicht der Gefühlslosigkeit, das nur durch den Umstand gefährdet ist, dass es so langsam Zeit für ein Kind wäre.

Doch dazu kommt es nicht. Das morbide Gleichgewicht geht zu Bruch, als Yong-Hye beschließt, sich vegetarisch zu ernähren. "Ich hatte einen Traum" ist die lapidare Begründung, die sie ihrem Mann für die Entscheidung liefert.

Der Roman "Die Vegetarierin" der Koreanerin Han Kang, der in diesem Jahr den internationalen Booker-Literaturpreis gewonnen hat, eine der wichtigsten Literaturauszeichnungen Großbritanniens, ist die Geschichte einer Verwandlung. Und wie bei einer anderen, sehr bekannten Metamorphose der Literaturgeschichte, ist die Verwandlung gleich zu Beginn des Buchs ein Mittel, mit dem die Autorin sichtbar macht, was schon lange unter der Oberfläche gegärt hat.

Plötzlich ist er da, der blanke Horror

Nachdem Yong-Hye zur Vegetarierin geworden ist, verliert sie Gewicht und schläft kaum noch. Ihr Mann stellt entgeistert fest, dass er seine Frau überhaupt nicht gekannt hat. Bei einem Abendessen mit seinem Chef blamiert sie ihn, weil sie keinen BH trägt und für missbilligende Blicke in der Runde sorgt. Als auch noch ihr Sextrieb zurückgeht, reicht es ihm. Besoffen vergewaltigt er sie. Dass sie sich dabei wehrt, findet er ziemlich geil. Plötzlich ist er da. Der blanke Horror. Mitten in der Eigentumswohnung.

Mit dem Buch "Die Vegetarierin", das jetzt auf Deutsch im Berliner Aufbau-Verlag erschienen ist, hat Han Kang eine Allegorie von archaischer Kraft geschaffen. In ihrer Dichte erinnert die mit rund 190 Seiten kurze Geschichte sofort an Franz Kafkas Parabel "Die Verwandlung". Und wie "Die Verwandlung" lebt Han Kangs Roman davon, dass man seine Tiefe erahnen, aber kaum benennen kann. Er ist ein Gleichnis vom Menschen und der Gesellschaft, und von der Gewalt, die sich entlädt, wenn die Gesellschaft versucht, den Menschen einzugliedern in das, was sie ein normales Leben nennt.

Kurz nach der Ehe versagt die nächste gesellschaftliche Institution: die Familie. Bei einem von Yong-Hyes Mann einberufenen Familientreffen versucht ihr Vater, ein jähzorniger Vietnamkriegsveteran, seine Tochter zum Fleischessen zu zwingen. In die Ecke getrieben schneidet sich Yong-Hye die Pulsadern auf. Nach dem Eklat trennt sich ihr Mann von ihr wie von einem kaputten Wecker.

Yong-Hye träumt davon, eine Pflanze zu werden

Han Kangs Roman ist in drei Kapitel unterteilt, jedes erzählt aus einer anderen Perspektive und in einem anderen Sprachstil. Im ersten Teil beschreibt Yong-Hyes Mann die Verwandlung seiner Frau aus der Ich-Perspektive, nüchtern und karg. Das zweite Kapitel hingegen platzt fast vor Sinnlichkeit. Yong-Hye, die nach der Trennung von ihrem Mann alleine lebt, träumt davon, eine Pflanze zu werden. Und ihr Schwager, ein melancholischer Künstler, aus dessen Sicht das Kapitel erzählt wird, entwickelt eine Obsession zu Yong-Hye, diesem "göttlichen Wesen, weder Mensch noch Tier, eher irgendetwas zwischen Pflanze und Urwild". Die beiden schlafen miteinander wie zwei sich verzehrende Schlingpflanzen.

Als Yong-Hyes Schwester sie ertappt, ruft sie in ihrer Verzweiflung Sanitäter. Yong-Hye wird in einer Zwangsjacke in eine geschlossene psychiatrische Anstalt eingeliefert. Der dritte Teil beschreibt schließlich aus der Sicht von Yong-Hyes Schwester den Aufenthalt in der Psychiatrie.

In England, wo "Die Vegetarierin" bereits im vergangenen Jahr erschienen ist, ist der Roman zum Teil als Kritik an weiblichen Geschlechterrollen in Korea gelesen worden. "Die Erzählung macht klar, dass es der vernichtende Druck der koreanischen Etikette ist, der sie umbringt", schrieb etwa der "Independent".

Das ist ungefähr so hanebüchen, als würde man Kafkas "Die Verwandlung" in erster Linie als Porträt der Prager Jahrhundertwende-Gesellschaft lesen. Natürlich spielt Han Kangs Roman in Korea. Dass er aber eigentümlich fremd daherkommt, liegt nicht etwa an der Kultur, sondern an der verstörenden Kompromisslosigkeit, mit der die Autorin schreibt. Und mit der sie unter Beweis stellt, dass Kafka in Ostasien eine erstaunliche Wirkungsgeschichte entfaltet hat. Auch Haruki Murakami beispielsweise versteht man besser, wenn man Kafka kennt. Der japanische Autor hat ihm in seinem Roman "Kafka am Strand" ein eigenes Denkmal gesetzt.

1922 schrieb Kafka, der übrigens Vegetarier war, die Erzählung "Ein Hungerkünstler". Sie handelt von einem Artisten, der zur Belustigung der Massen in einem Käfig hungert. Obwohl Hungern für ihn die leichteste Sache der Welt ist, lässt ihn sein Herr maximal 40 Tage hungern. Erst als er in einem Zirkuskäfig vergessen wird, kann der Artist hungern, so lange er will. Endlich ist er frei, aber niemand ist da, der seine Kunst bewundern könnte. Als man ihn schließlich abgemagert und geschrumpelt findet und fragt, warum er eigentlich hungere, antwortet er: "Weil ich nicht die Speise finden konnte, die mir schmeckt. Hätte ich sie gefunden, glaube mir, ich hätte kein Aufsehen gemacht und mich vollgegessen wie du und alle."

Im dritten Kapitel von "Die Vegetarierin" liegt Yong-Hye in der Psychiatrie und hungert. Ein Familienmitglied ist ihr geblieben, es ist die Schwester, deren Lebensinhalt es ist, sich um andere zu kümmern. Sie versucht, Yong-Hye zum Essen zu bewegen. Da fragt Yong-Hye: "Ist es denn verboten zu sterben?" Es ist, als hörte man Kafkas Hungerkünstler sprechen.


© Baek Dahum

Han Kang wurde in Gwangju, Südkorea, geboren. 1993 debütierte sie als Dichterin, ihr erster Roman erschien 1994. Für ihr literarisches Schreiben wurde sie mit dem Yi- Sang-Literaturpreis, den Today’s Young Artist Award und dem Manhae Literaturpreis ausgezeichnet. Derzeit lehrt sie kreatives Schreiben am Kulturinstitut Seoul. Mehr Informationen zur Autorin: www.writerhankang.com

 

 

 

 

 

 

 

 

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