Magazin Kultur Korea

Seoul trifft Berlin– Tradition und Moderne

Das Seoul Tutti Ensemble und die Kammersymphonie Berlin mit Botschafter Lee Kyung-soo (Mitte li.) und dem
Dirigenten Jürgen Bruns (Mitte re.)

Von Patrick Becker

«Seoul trifft Berlin» hieß es am 10. September im Kleinen Saal des Konzerthauses Berlin am Gendarmenmarkt. Die Kammersymphonie Berlin und das Seoul Tutti Ensemble spielten sich durch ein Programm, das vielfältiger nicht hätte sein können: Neue Musik aus Südkorea und Großbritannien traf auf deutsche Klassik und traditionelle Volkslieder, deren Expressivität über alle Grenzen hinweg Gültigkeit haben. In Zeiten des zunehmenden Fremdenhasses und des Erstarkens nationalistischer Bewegungen ist ein solches Konzert viel mehr, als nur eine abendliche Veranstaltung: Es setzt ein Zeichen. Eines, das musikalisch nicht auf einem höheren Niveau sein könnte. Unter der Leitung des Dirigenten Jürgen Bruns bewegten sich die Musiker sicher zwischen allen Stühlen. Bruns ist bekannt für seine innovativen Konzertformate, die über den Tellerrand schauen und Musik mit Tanz, Video, Theater und Literatur verbinden. Seinen Ruf als herausragender Interpret neuer Musik konnte er auch an diesem Abend unter Beweis stellen: Sein ausdrucksstarkes Dirigat führte die MusikerInnen so sicher durch den Abend, dass man fast hätte meinen können, diese Ensembles hätten immer schon zusammengespielt.

Das Seoul Tutti Ensemble vor dem Konzerthaus Berlin

Treffen beide Orchester zwar zum ersten Mal aufeinander, verbindet sie doch ihre ähnliche Herangehensweise an die Musik unterschiedlicher Epochen. Die Kammersymphonie Berlin, von Jürgen Bruns noch während seiner Studienjahre 1991 gegründet, ist in der musikalischen Tradition genauso zu Hause wie in der Musik der klassischen Moderne. Sie setzt sich für vergessene und verfemte Komponisten des 20. Jahrhunderts ein und konnte bisher ZuhörerInnen im In- und Ausland mit ihren Interpretationen begeistern. Das Seoul Tutti Ensemble wiederum, ebenfalls in Deutschland – 1988 in Frankfurt am Main – von der Pianistin Ok-hee Lee gegründet, hat in ganz Korea überzeugende Konzerte gespielt und untersteht seit 2009 dem Ministerium für Kultur, Sport und Tourismus der Republik Korea. Mit seinem Projekt «Das Konzert kommt zu mir» versucht es, nicht nur das typische Publikum anzusprechen, sondern mit Hausbesuchen bei Randgruppen der Gesellschaft für das klassisch-romantische Repertoire zu werben. Spätestens seit seinem Mozart-Zyklus und der koreanischen Uraufführung der «Posthorn-Serenade» in den Jahren 2005 bis 2008 ist es im Land als Institution der klassischen Musik anerkannt.

Eröffnet wurde der Abend mit Young Eun Paiks «Wild Flowers on the Sky» für Daegum – der koreanischen Bambusflöte – und Orchester. Paik, die in Seoul und an der University of Indiana in den USA studierte, gilt als Expertin für die Instrumente der klassisch-koreanischen Musik und hat mit ihrem Lehrbuch «Einführung in die Perkussionsinstrumentenlehre für Komponisten» eine längst zum Standardwerk avancierte Publikation vorgelegt. Zwar spielte «Wild Flowers in the Sky» nicht mit komplexen Schlagwerkpartien, indes konnte Paik ihre Meisterschaft in der Instrumentierung unter Beweis stellen. Mit den ruhig fließenden – beinahe schon mystischen – Klängen des Orchesters, zu denen die Harfe ihre sanften Töne anschlug, entfaltete sich das Bild einer idyllischen, ursprünglichen Landschaft, die vom wilden Flug bunter Schmetterlinge erfüllt war. In den sechs Bildern ihres Werkes verarbeitet Paik diese Kindheitserinnerungen an eine koreanische Landschaft in der ganzen Eindringlichkeit ihrer musikalischen Sprache: Lebhaft entstanden vor den Augen und Ohren der Zuhörerinnen und Zuhörer die Bilder eines vereisten Winterhügels, warmer Frühlingstage und erhabener Sonnenuntergänge, zu denen der Solist Yoo Hong zarte Melodien auf der Daegum spielte.

In einem krassen Gegensatz zu diesem auf ruhige und lange Phrasen angelegten Werk stand Peter Fribbins Violinenkonzert. Es steckte voller Dramatik, lotete die Extrema von laut und leise genauso wie die Kontraste schroffer Klänge und melancholischer Melodien aus. Kein Wunder, wenn man bedenkt, dass Fribbins sein Violinkonzert für den energetischen französischen Geiger Phillippe Graffin schrieb, der es nach Abschluss der Komposition im Jahr 2014 uraufführte. Die avantgardistische Tonsprache Fribbins ist jedoch keinesfalls aus der Luft gegriffen. Lange haderte der Komponist mit sich, ob er – vor dem Hintergrund der erschreckenden Vielzahl an virtuosen Violinkonzerten aus dem 19. und 20. Jahrhundert – selbst dazu in der Lage sei, seinen Beitrag zu dieser Gattung zu leisten. Inspiration fand er letztlich in einer Sonate des englischen Renaissance-Komponisten Henry Purcells, dessen harmonischer Plan zum Grundgerüst des fulminanten ersten Satzes und Teil des Finales von Fribbins Konzert wurde. Die expressive und anspruchsvolle Partie der Solo-Violine übernahm der Auftraggeber Phillippe Graffin höchstselbst. Zwar bekannt für seine Aufnahmen der Violinkonzerte Benjamin Brittens, Frederick Delius und Camille Saint-Saëns, hatte Graffin doch sichtliche Probleme mit dem Werk. Bedauerlicherweise zerstörte er viel von dieser Musik, indem er durchgängig mit seinem Fuß auf den Boden trampelte, ohne dass dieser Versuch irgendetwas zu seiner rhythmischen Genauigkeit hinzugetan hätte. Nur Jürgen Bruns präzises Dirigat und die aufmerksamen Musikerinnen und Musiker der beiden Ensembles konnten Schlimmeres verhindern.

Deutsch-koreanisches Gemeinschaftskonzert des Seoul Tutti Ensemble und der Kammersymphonie Berlin
am 10. September 2016 im Konzerthaus Berlin (Alle Fotos: Koreanisches Kulturzentrum)

Nachdem in der Pause der deutsch-koreanische Kulturaustausch bei einem Glas Sekt und Brezeln vom Publikum fortgesetzt wurde, traten die Kammersymphonie Berlin und das Seoul Tutti Ensemble für Wolfgang Amadé Mozarts 40. Symphonie in g-Moll an. Üblicherweise agieren die beiden Klangkörper unabhängig voneinander – ihre gemeinsame Leistung in diesem Konzert ist deswegen noch bewundernswerter. Mozarts 40. Symphonie – diesem Evergreen der Musik – konnten sie freilich nicht viel hinzufügen. Zu viele Interpretationen dieses Werks gibt es, die 40. Symphonie ist Bestandteil jeder Best-of-Klassik-CD, wird in Werbungen und Supermärkten gespielt und ist so tief ins kollektive Bewusstsein eingedrungen wie kaum ein zweites Werk dieser Epoche. Jeder Aufnahme zum Trotz war es ein besonderes Ereignis, diese Symphonie wieder einmal im Konzertsaal zu hören. Besser als jede Aufnahme arbeitete Jürgen Bruns mit den beiden Ensembles die vielfältigen Facetten dieses Werks heraus. Neben den bekannten und dramatischen Klängen waren besonders der lichte zweite und dritte Satz überzeugend interpretiert. Die ausgefuchsten Kontraste des Finalsatzes waren klar herausgearbeitet und der behutsame Umgang mit den bedeutungsvollen Pausen und Momenten der Ruhe zeugte von der sorgsamen Probenarbeit der beiden Orchester.

Beschlossen wurde das Konzert mit einem Medley des bekannten koreanischen Volkslieds «Arirang», das der Komponist Jeong-kyu Park zusammenstellte. Der 1981 geborene Künstler wurde 2008 vom Koreanischen Kultur- und Kunstrat zum Jugendkünstler ernannt, und seine Musik wurde bereits auf Festivals in ganz Europa und Asien aufgeführt. Mit seinem Medley schuf Park eine Zusammensetzung der verschiedenen Versionen dieses Stücks aus allen Teilen Koreas und drückt so den Wunsch nach Frieden und Wiedervereinigung aus. Die Verschränkung der verschiedenen Arten des Arirang mündete in eine strahlende Apotheose, mit der das Konzert zu Ende ging. Dem Publikum des fast ausverkauften Kleinen Saals des Konzerthauses Berlin am Gendarmenmarkt gefiel das sichtlich – es applaudierte kräftig.


Foto: privat

Patrick Becker studiert Musikwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin und konzentriert sich auf die Musik des 20. und 21. Jahrhunderts, die Musikgeschichte des Kalten Krieges und musiksoziologische Fragestellungen. Seine Forschungen stellte er bisher auf Kongressen in Asien und Europa vor. Er schreibt Artikel, Rezensionen und Berichte für dieBerliner Zeitung, denBlog der Berliner Festspiele und die Zeitschrift Positionen. Texte zur aktuellen Musik

 

 

 

 

 

 

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